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Rückzug aus Afghanistan? : Der Krieg als Wahlkampfhelfer

Steinmeier in Kundus Bild: dpa

Entscheidet der Einsatz in Afghanistan den Kampf ums Kanzleramt? Nein, sagen sie in Berlin. Doch der Abzug ist längst ein Thema. Schließlich wird die Mission für die Bundeswehr immer mehr zum Kriegseinsatz.

          5 Min.

          Schlimmer hätte es nicht kommen können. Es ist Mitte August 2009. Amerikanische Piloten bombardieren ein afghanisches Dorf, viele Frauen und Kinder kommen um. Die Daten für den Angriff stammen von den Deutschen.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Zwei Tage später rühmen sich drei Bundeswehrsoldaten öffentlich ihrer „Abschussquoten“ im Einsatz gegen die Taliban. Am gleichen Tag verschleppt Al Qaida fünf deutsche Ingenieure in Algerien und fordert den sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Dort verlieren bei einem Gefecht nahe Kundus am 25. August zwölf Deutsche ihr Leben.

          Gefechte mit den Taliban an der Tagesordnung

          „Wozu zahlen wir den Blutzoll?“, titelt ein Boulevard-Blatt. Eine Woche später explodieren drei Terrorbomben auf dem Frankfurter Hauptbahnhof. Deutschland ist am Rand des Ausnahmezustands. Wieder fordern Islamisten den Abzug vom Hindukusch. Es sind noch drei Wochen bis zur Bundestagswahl. 85 Prozent der Deutschen fordern ein Ende des Bundeswehreinsatzes.

          Mitten im Krieg: Amerikanische Soldaten in Afghanistan

          So schlimm wird es nicht kommen. Doch sind solche Szenarien keine Hirngespinste. Vorige Woche haben deutsche Soldaten in Afghanistan erstmals Luftangriffe der Amerikaner vom Boden aus geleitet. Die Mission wird für die Deutschen immer mehr zum Kriegseinsatz, Gefechte mit den Taliban sind an der Tagesordnung.

          Verteidigungspolitiker des Bundestages zeigten sich nach einem Besuch der Schnellen Eingreiftruppe in Kundus vor einer Woche irritiert, wie locker dort mit den Zahlen getöteter Taliban hantiert wird. Auch das Szenario einer Entführung ist aktuell: Im Jemen wurden vergangene Woche zwei 24 und 26 Jahre alte christliche Entwicklungshelferinnen aus Deutschland nach einer Verschleppung umgebracht; bei weiteren fünf Geiseln, einer deutschen Familie, wird das Schlimmste befürchtet.

          Afghanistan-Einsatz nicht Chefsache in Berlin

          Islamisten gelten als mögliche Täter. Das Bundeskriminalamt hatte kurz davor gewarnt, Deutsche in Nordafrika seien gefährdet, weil Al Qaida dort Anschläge verüben wolle – die Bundestagswahl fest im Auge.

          Die Politik versucht, das Thema Afghanistan klein zu halten. Zum Unmut der Truppe, die beklagt, dass der Kriegseinsatz zu Hause verharmlost werde. Noch im April schimpfte der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberstleutnant Ulrich Kirsch: „Präsident Barack Obama hat Afghanistan zur Chefsache gemacht. Ich erwarte von der Bundeskanzlerin, dass sie sich daran ein Beispiel nimmt.“ Ein Kommentar der „New York Times“, in Deutschland sei Wahljahr und Angela Merkel wolle daher „nichts zu tun haben mit Afghanistan und Krieg“, wurde in Soldatenkreisen zustimmend verbreitet.

          Zwar fordert nur die Linkspartei ein sofortiges „Raus aus Afghanistan“. Der Bundestag hat im Herbst 2008 das Mandat für den Einsatz eigens für 14 statt zwölf Monate verlängert, so dass erst nach der Wahl neu entschieden werden muss.

          Planspiele für den Wahlkampf

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