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Rudolf Scharping : Der Absteiger

  • -Aktualisiert am

Ex-Parteivorsitzender, Ex-Kanzlerkandidat, Ex-Fraktionsvorsitzender. . . Bild: dpa

Sollte Rudolf Scharping doch noch über die Flugaffäre stolpern, wäre dies sein letzter Fall.

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          Rudolf Scharpings Karriere in der SPD verlief steil. Doch zur Meisterschaft brachte er es in den zahlreichen Spitzenämtern, die er ausübte nicht.

          Zu seinen größten Siegen gehört sicherlich die gewonnene Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Nach 44 Jahren ununterbrochener CDU-Herrschaft wurde der gebürtige Westerwälder dort 1991 zum ersten sozialdemokratischen Ministerpräsidenten gewählt. Doch die Niederlagen überwogen, und Scharping schien sie ein um das andere Mal mit der ihm typischen Gleichmut hinzunehmen.

          Parteivorsitzender

          Besonders ein Erlebnis dürfte sich dem als blass und eigenmächtig geltenden Mann tief in das Gedächtnis eingegraben haben: der Mannheimer Parteitag 1995. Der Königsmörder hieß Oskar Lafontaine. Gegen ihn verlor Scharping die geschickt eingefädelte Kampfabstimmung um das Amt des Parteivorsitzenden. Lafontaine, damals noch Regierungschef an der Saar, setzte sich selbst die Krone aufs Haupt. Der anschließende Austausch von Artigkeiten kulminierte in einem historischen Händedruck der beiden Politiker. Das Bild ging durch die deutsche Presse.

          Scharpings GAU

          Für Scharping war es der größte anzunehmende Unfall. Erst zwei Jahre zuvor, 1993, war er von den SPD-Mitgliedern per Urabstimmung zum Parteivorsitzenden gewählt worden. Ein enormer Vertrauensbeweis. Vielleicht betrachtete es Scharping deshalb als sein Recht, künftig wenigstens zu den fünf Stellvertretern seines Erzrivalen Lafontaine zu gehören.

          Kanzlerkandidat

          Eine Niederlage anderer Qualität hatte Scharping bereits 1994 erlebt. Als Kanzlerkandidat seiner Partei war er gegen Helmut Kohl (CDU) angetreten. Ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Hätte es einen glanzvolleren Herausforderer gegeben, wer weiß, vielleicht hätte Kohl die Wahl sogar verloren. Der Vorsprung des bürgerlichen Lagers von nur zehn Mandaten war knapp.

          Fraktionsführer

          Scharping blieb das Amt des Fraktionsführers im Bundestag, galt aber auch in dieser Position als schwach, so dass ihn der neu gewählte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) 1998 durch Peter Struck ersetzte und Scharping als Verteidigungsminister auf die Hardthöhe beorderte. Zunächst sträubte sich der Glücklose, fügte sich aber sodann in sein Schicksal.

          Feuerprobe als Verteidigungsminister

          Schon kurz nach seinem Amtsantritt musste Scharping die erste Feuerprobe bestehen, als die Bundeswehr im Frühjahr 1999 zum Einsatz in das Kosovo gesandt wurde. Seine Rolle als kompromissloser Befürworter der Luftschläge gegen das Milosevic-Regime in Belgrad war umstritten. Die einen lobten sein zupackendes Wesen, andere kritisierten Scharping für seine bedingungslose Bündnistreue und seinen Kriegseifer. Dazu zählte auch, dass der Minister steif und fest behauptete, die Serben hätten im Kosovo Konzentrationslager für die Albaner eingerichtet. Die „Bild“-Zeitung titelte daraufhin „Sie treiben sie ins KZ.“

          Bundeswehrreform

          Es folgten Auseinandersetzungen sowohl mit dem Grünen Koalitionspartner als auch mit Generalinspekteur Hans-Peter von Kirchbach über die Reform der Bundeswehr und die Beibehaltung der Wehrpflicht. Scharping hatte unter dem Vorsitz des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zwar eine Kommission zu diesem Thema eingesetzt. Von deren Ergebnissen nahm der Minister indes kaum Notiz. Die Experten fühlten sich düpiert.

          Uranmunition

          Zuletzt geriet Scharping im vergangenen Winter in Erklärungsnöte, als ihm vorgeworfen wurde, weder die Soldaten noch den Bundestag rechtzeitig über die von den amerikanischen Verbündeten während des Kosovo-Krieges eingesetzte Uran-Munition unterrichtet zu haben. Scharping spielte den Vorfall zunächst herunter. Später präsentierte er eine Dokumentation, aus der hervorging, dass der Verteidigungsausschuss bereits im Mai 1999 vom Ministerium mit dem vorhanden Wissen versorgt worden war.

          Untersuchungen, die belegen sollten, dass von der Munition keine Gefahr für die Bundeswehrsoldaten ausgegangen war, wurden angeordnet. Allerdings stritt sich die Verteidigungspolitische Sprecherin der Grünen, Angelika Beer, mit dem Minister darüber, ob es nötig sei, alle 60.000 deutsche Soldaten, die auf dem Balkan eingesetzt waren, zu untersuchen. Scharping verneinte und warf sowohl der Presse als auch der Opposition vor, ein „Hysterie-Syndrom“ ausgelöst zu haben.

          Smalltalk bei Bio

          Schon damals zeigte sich der Pfälzer demonstrativ unberührt von den Vorwürfen gegen ihn und traf sich zum Smalltalk mit seiner neuen Lebensgefährtin Kristina Gräfin Pilati bei Biolek.

          Letzter Akt?

          Der vielleicht letzte Akt im Drama Scharping: die Veröffentlichung von Urlaubsbildern in einer großen deutschen Illustrierten. Nicht zum ersten Mal ließ der Minister auch hier das nötige Feingefühl vermissen und konfrontierte die Öffentlichkeit mit seinem Liebesglück zu einer Zeit, als Deutschland heftig um den Einsatz seiner Soldaten in Mazedonien stritt. Als bekannt wurde, dass Scharping nach der Abstimmung im Bundestag mit einer Maschine der Flugbereitschaft für eine Nacht zurück nach Mallorca zu seiner Verlobten geflogen war, schien das Maß voll. Dennoch entblödete sich der Minister derselben Zeitschrift ein Interview zu geben, die kurz zuvor die umstrittenen Urlaubsfotos abgedruckt hatte.

          Selbstgerecht, rechthaberisch, starrsinnig

          Es ist diese Mischung aus Selbstgerechtigkeit, Rechthaberei und Starrsinn, die aus dem Minister Scharping frühzeitig den Politrentner Scharping machen könnte. Verlöre er auch seinen Posten als Verteidigungsminister, wonach wollte dieser Mann noch streben?

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