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Rot-Grün : Schröder will wieder ein Duett mit Fischer

Zukunft für Rot-Grün? Schröder und Fischer im Bundestag Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wie 2002 strebt der Kanzler einen gemeinsamen Wahlkampfauftritt mit Joschka Fischer an, um die bisherige Zusammenarbeit fortzuführen. Bei den Umfragen liegt die Union zwar vorne, doch eine große Koalition ist ausgeschlossen.

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          Die gemeinsamen Auftritte Gerhard Schröders und Joseph Fischers am 15. September 2002 und eine Woche später gehören in der Rückschau zusammen. Am Wahlabend des 22. September kam damals der Grünen-Matador Fischer in die Parteizentrale der SPD und zeigte sich dort gemeinsam mit Schröder, damals noch Parteivorsitzender.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Da wurde Fischer von den anwesenden Sozialdemokraten mit begeisterten „Joschka, Joschka“-Rufen gefeiert: Er habe - durch das Erstarken der Grünen - letztlich die Koalition gerettet, so lautete damals eine Interpretation. Eine Woche zuvor, in der allerletzten, allerheißesten Phase des Wahlkampfes, waren der Kanzler und sein Vizekanzler gemeinsam auf einer Veranstaltung vor dem Brandenburger Tor aufgetreten.

          Erfolg dank „BAP“-Unterstützung?

          Es war keine unmittelbare Parteiveranstaltung, sondern eine von dem kölschen Musiker Wolfgang Niedecken initiierte Rockveranstaltung zugunsten Schröders. Dennoch ein starkes Symbol: Die Spitzenkandidaten zweier Parteien, die zwar miteinander eine Regierungskoalition eingegangen waren, aber doch auch um Wählerstimmen konkurrierten, kämpften nun Seit' an Seit'.

          Nun also fehlt es nur noch an einer passenden Gelegenheit, um das zu wiederholen: Das sagte jedenfalls Schröder am Donnerstag abend im Zweiten Deutschen Fernsehen. Die beiden Koalitionspartner hätten zwar beschlossen, bis zur Wahl am 18. September eigenständig zu kämpfen, und sein Ziel sei es dabei, die SPD wieder zur stärksten Kraft zu machen. Wenn sich aber in den nächsten Wochen eine Gelegenheit ergebe, werde er mit Fischer auftreten. Und wenn es das Wahlergebnis dann ermögliche, wolle er die Regierungsarbeit in der „bisherigen Konstellation“ fortführen.

          Grüne sehen Zukunft in der Zusammenarbeit

          Der Grünen-Vorsitzende Bütikofer sagt dazu: „Wir sehen das genauso, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, dann machen wir das.“ Für die Grünen habe sich „strategisch nichts geändert: entweder erneuerte Mehrheit für Rot-Grün oder starke Grüne in der Opposition.“ Nach seiner und Münteferings Neuwahlentscheidung Ende Mai hatte Schröder von einem solchen gemeinsamen Auftritt noch nichts wissen wollen.Die Verstörung bei einigen Grünen, über deren Auffassungen und Absichten die SPD-Spitze ohnehin hinweggetrampelt war, wurde dadurch nicht eben gelindert.

          Doch hieß es seither auch immer wieder bei ihren führenden Politikern: Je mehr die Sozialdemokraten sich von uns abgrenzen und Spekulationen über eine große Koalition Raum geben, desto besser für uns. Nicht nur das grüne Stammpotential, sondern auch solche SPD-Wähler, die am liebsten eine rot-grüne Koalition sähen, würden so den Grünen zugetrieben, so die strategische Überlegung. Daher zeigen sie sich von Schröders Ankündigung jetzt auch nicht besonders „ergriffen“.

          Union liegt bei Umfrageergebnissen bisher vorne

          Zudem war von Grünen-Politikern immer wieder die Einschätzung zu hören, wenn die SPD sich in den Umfragen so weit erhole, daß eine Fortsetzung der Koalition nicht mehr als völlig unwahrscheinlich erscheine, werde vielleicht doch ein gemeinsamer Auftritt zustande kommen. Wäre dies allerdings nun tatsächlich der Anlaß für Schröders Schwenk, so müßte der Kanzler über andere Umfragedaten verfügen als die derzeit veröffentlichten. Die Augustumfrage des Instituts Allensbach für diese Zeitung hatte nach wie vor eine Mehrheit für Union und FDP gemessen, zudem lag die SPD weiter deutlich unter dreißig Prozent.

          Ähnlich sehen die in dieser Woche veröffentlichten Umfrageergebnisse aus. Bei ihnen, die schon unter dem Eindruck der Aufregung über Aussagen des CSU-Vorsitzenden Stoiber über Ostdeutsche angestellt wurden, kann die Union sogar leichte Zugewinne verzeichnen. Insofern erscheint auch die Annahme nicht naheliegend, das Verhalten der Union, die zwischenzeitlich mehr mit sich selbst als mit der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner beschäftigt zu sein schien, gebe Schröder zu aktuellem Optimismus Anlaß.

          Große Koalition ist ausgeschlossen

          Daher dürfte der Grund für die Ankündigung des Bundeskanzlers eher in einem anderen Zusammenhang zu suchen sein, auf den Schröder in der Sendung ebenfalls einging: den Spekulationen über eine große Koalition. Schröder stellte sie als reines Ergebnis von Medienaufregung dar; seine Minister Clement, Eichel und Schily, die der Aussicht auf eine große Koalition auch vorteilhafte Aspekte abgewonnen hatten, seien auf Journalistenfragen hereingefallen.

          Ob das nun zutrifft oder ob es eine verklausulierte Schelte ist: Klar ist, daß Schröder in einer schwarz-roten Konstellation keine Rolle mehr zu spielen hätte. So versucht er, wenigstens für den Wahlkampf, seine Partei noch einmal auf die Grünen zurücken zu lassen. Das nächste „BAP“-Konzert mit Niedecken ist allerdings erst im Januar vorgesehen.

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