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Roma in Südosteuropa : Wie sicher sind sichere Herkunftsstaaten?

Szene aus dem Dokumentarfilm „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“: Nazif Mujić kann seine Familie in Bosnien nur notdürftig ernähren Bild: dpa

Politisch verfolgt werden die Roma in Südosteuropa nicht - aber das ist auch fast die einzige gute Nachricht. Viele von ihnen leiden große Not und schaffen es nicht, wenigstens die bescheidenen Chancen zu nutzen, die das Leben bietet.

          Um ein Märchen zu sein, hätte die Geschichte von Nazif Mujić im Februar 2013 enden müssen. Am besten in dem Moment, als Mujić in Berlin die Bühne betritt, um den Silbernen Bären als bester Darsteller der 63. Berlinale entgegenzunehmen. Er lachte zwar damals nicht (ihm fehlen viele Vorderzähne), aber er habe den Augenblick wie einen Spaziergang auf Wolken genossen, sagte Mujić später. Er hatte in einem Film des bosnischen Regisseurs Danis Tanovic die größte Rolle seines Lebens gespielt - sich selbst. In „Aus dem Leben eines Schrottsammlers“ stellt Tanovic eine wahre Geschichte aus dem Jahr 2011 nach, von der er aus einer Zeitungsnotiz erfahren hatte.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Mujićs Frau Senada war im sechsten Monat schwanger, als ihr Kind im Mutterleib starb. Sie benötigte dringend eine lebensrettende Operation, doch die Ärzte weigerten sich, weil Mujić, ein Schrottsammler aus einem Dorf nahe der bosnischen Stadt Tuzla, nicht versichert war und die 980 bosnischen Mark (etwa 500 Euro) nicht aufbringen konnte, um den Eingriff zu bezahlen. Davon, wie es schließlich in letzter Minute doch gelang, Mujićs Frau zu retten, erzählt Tanovics Film, in dem Herr und Frau Mujić ihr eigenes Schicksal nachspielen. Inzwischen ist aber so viel geschehen, dass es Material genug gäbe für „Aus dem Leben eines Schrottsammlers II“.

          Unvollständige Geschichte

          Die Fortsetzung müsste davon erzählen, wie Mujićs Leben nach kurzem Starruhm wieder in die Not abglitt, die ihn berühmt gemacht hatte - und wie er zumindest mitschuldig daran ist. Neun Monate nach seinem Berliner Triumph wurde Mujić zunächst ein zweites Mal zu einem Medienstar, als er im November 2013 nach Deutschland zurückkehrte, um Asyl zu beantragen. In Bosnien, sagte er Journalisten, die ihn in einem Berliner Asylbewerberheim besuchten, habe er keine Zukunft mehr, seine Familie hungere. Er wolle seinen Silbernen Bären gegen ein Leben in Deutschland tauschen.

          Die Geschichte, die er den dankbaren Reportern erzählte, war herzzerreißend - aber unvollständig. Reporter der „Deutschen Welle“ begaben sich in Mujićs Heimatdorf Poljice und fanden heraus, dass Nachbarn und Verwandte sich an die Geschichte des berühmten Schrottsammlers anders erinnerten. So hatte die Gemeinde Nazif Mujić einen Job auf einer Mülldeponie angeboten, was sich nicht spektakulär anhört, es bei einem Gehalt von 719 bosnischen Mark (knapp 370 Euro) für die Verhältnisse bosnischer Roma aber war. Der Direktor der Mülldeponie zeigte den Reportern Mujićs Arbeitsunterlagen. Er war an den meisten Tagen nicht zur Arbeit erschienen. Nachdem sein Film auf dem Filmfestival in Sarajevo gezeigt worden war, kam er gar nicht mehr.

          Mujićs Bruder Hasan sagte, sein Bruder habe ohne Not einen guten Job aufgegeben. „Wann immer er einen freien Tag brauchte, um ein Interview zu geben oder im Fernsehen aufzutreten, hat er freibekommen“, sagte Hasan Mujić. Sein Bruder habe auf neue Rollen gewartet. „Aber er ist kein Schauspieler. Er ist einfach nur in einem Dokumentarfilm aufgetreten.“ Auch einen Job in einem Schwimmbad für 325 Euro im Monat gab Nazif Mujić nach nur einem Monat wieder auf. Er hatte eine höhere Karriere im Sinn - wenn schon nicht als Filmstar, dann als Asylbewerber in Deutschland. Doch die deutschen Behörden konnten, durchaus korrekt, keine politische Verfolgung Mujićs in seiner Heimat erkennen und lehnten den Asylantrag ab. Im Juni dieses Jahres kehrten Mujić und seine Familie zurück nach Bosnien - wo ihre Leben nicht bedroht, aber elend ist.

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