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Roland Koch : Ein konservativer Vollblutpolitiker

Roland Koch: Konservativer Katholik, kalkulierender Polarisierer - aber kein Stromlinienförmiger Bild: Helmut Fricke; F.A.Z.

Alle, die glaubten, Roland Koch habe nichts sehnlicher gewollt, als EU-Kommissar von Gnaden der Kanzlerin oder Minister unter ihr zu werden, haben seinen Ehrgeiz, seinen Realismus und sein Gefühl für Würde unterschätzt. Nun hat er genug vom Blutvergießen. Zurück bleibt eine verarmte CDU.

          Roland Koch schrieb man stets den Sinn für das Strategische zu. Deshalb wollte auch jetzt niemand glauben, dass er ohne Plan gehe. Den entschlüsselt mehr als jede Spekulation über die Zukunft ein Blick in die jüngere Vergangenheit.

          Vor gut einem Jahr wurde Koch, obwohl zuvor schon für politisch tot erklärt, zum dritten Mal als hessischer Ministerpräsident vereidigt. Er wusste damals, dass seine Wiederauferstehung, zu der ihm ausgerechnet die Rivalin Ypsilanti verholfen hatte, ihm nur eine Gnadenfrist schenkte. Eine nochmalige Kandidatur im Jahr 2014 wäre aussichtslos gewesen. Somit stand fest, dass er im Laufe der Legislaturperiode seine Ämter an Nachfolger würde übergeben müssen. Den Zeitpunkt aber wollte Koch selbst bestimmen; die Riege der Unions-Ministerpräsidenten a. D., die von ihren eigenen Landesverbänden zwangspensioniert und/oder von der Bundeskanzlerin nach Brüssel versetzt werden mussten, mochte er nicht verlängern.

          Mit Kochs Ausscheiden aus der Politik hat die CDU-Vorsitzende, der im eigenen Revier der Ruf einer Großwildjägerin anhaftet, nur indirekt zu tun. Für sie stellte Koch keine Gefahr mehr dar, seit er die Hessen-Wahl Anfang 2008 verlor. Alle, die glaubten, er habe danach nichts sehnlicher gewollt, als EU-Kommissar von Frau Merkels Gnaden oder Minister unter ihr zu werden, unterschätzten seinen Ehrgeiz, seinen Realismus und sein Gefühl für Würde.

          Haushaltspolitik, Bildung oder Kinderkrippen: Die Kanzlerin und Koch hatten anscheinend zuletzt verschiedene Orientierungen

          Schon vor geraumer Zeit sprach er von einem Leben nach der Politik. Die CDU-Vorsitzende erleichterte ihm, wie Merz, den Absprung in diese Sphäre. In der Merkel-CDU geriet Koch zusehends in die Minderheitenposition. Fast scheint es, als habe er das in den vergangenen Tagen noch einmal demonstrieren wollen. Widerspruch entmutigte ihn nicht. Aber auch Vollblutpolitiker haben einmal genug vom Blutvergießen, sei es eigenes oder das anderer.

          Koch leistete in Hessen gute Arbeit. Noch schwerer aber wiegt sein Verlust für die Bundes-CDU, die einen ihrer größten politischen Köpfe verliert. Ohne der „Reaktionär“ und „Ausländerfeind“ zu sein, als den ihn die Linke verunglimpfte, hielt Koch die Fahne des - stark geschrumpften - konservativen Flügels der Union hoch.

          Konservativ, wertegebunden und polarisierend

          Der Hesse verkörperte den wertegebundenen Politiker, den die traditionelle Unions-Wählerschaft mittlerweile schmerzlich vermisst, wenn sie das Führungspersonal von CDU und CSU durchgeht. Der Katholik und Familienvater, nach einer klassischen Parteikarriere bestens vernetzt, übernahm Aufgaben, die Frau Merkel, die schon das Wort „konservativ“ meidet, nicht erfüllen will und kann.

          Koch war der letzte CDU-Politiker von Format, der willens und in der Lage war, gelegentlich den Flügelmann zu spielen, auf dass seine Partei sich nicht bis zur Unkenntlichkeit den anderen angleiche. Das brachte ihm, ob beim Streit über die doppelte Staatsangehörigkeit oder die Ausländerkriminalität, den Ruf des kalkulierenden Polarisierers ein. An Politikverdrossenheit und schrumpfender Wahlbeteiligung sind freilich eher die Stromlinienförmigen schuld.

          Wer wird jetzt an Kochs Stelle in der Union treten? Der Aspirant Mappus sucht noch nach Schuhen, die ihm passen. Seehofer muss der Gedanke beschleichen, dass Koch zur rechten Zeit ein Abgang in Würde glückte, was nicht vielen Politikern beschieden ist. Die Kanzlerin äußerte zum Abschied Kochs, sie freue sich „auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit in den kommenden Monaten“ (bis Ende August). Auch so kann man sagen, dass die CDU wieder ein großes Stück ärmer geworden ist.

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