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Rizin als B-Waffe : Die letzte Hoffnung des IS?

Vor allem mutmaßliche Anhänger des IS scheinen momentan immer stärker auf den Bio-Kampfstoff zu setzen. Schon vor Jahren publizierte die Terrormiliz detaillierte Bauanleitungen für B-Waffen-Anschläge in Europa. Seitdem kursieren sie im Netz unter Kämpfern und Anhängern. Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes hat die Terrororganisation „Islamischer Staat“ auch schon mehrfach selbst Rizin hergestellt. 2016 fanden Ermittler drei Mal Rizin im Irak, und einmal an der irakisch-syrischen Grenze. Und erst vergangenen Monat kam es zu einer Festnahme in Frankreich. Innenminister Gérard Colomb teilte damals mit, der Täter habe die Absicht gehabt, Rizin als Waffe zu verwenden. Es wird vermutet, dass er ebenfalls mit dem IS in Verbindung steht.

Die Sorge vor einem Anschlag mit Rizin ist deshalb seitens der deutschen Behörden schon länger groß. Bereits 2013 übten in Deutschland länderübrgeifend Bund und Länder, was zu tun ist, wenn Rizin in Umlauf gebracht wird. Die Übungstätigkeit dauert seitdem an, auch wegen der Meldungen über Rizin-Funde. Nach Ansicht des Verfassungsschutzes sind terroristische Anschläge durch islamistische Extremisten mit Bio-Giften in Deutschland heutzutage jederzeit möglich.

Auch der Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Christoph Unger, stellt fest, dass der Einsatz von chemischen und biologischen Kampfstoffen ein wieder wichtiger werdendes Thema ist. Darauf deuteten auch die Geschehnisse im syrischen Bürgerkrieg und der Novitschok-Anschlag auf den russischen Dissidenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia hin. Die Behörde habe sich frühzeitig auch mit Rizin intensiv beschäftigt. „Die Renaissance kommt für uns nicht überraschend. Wir sind vorbereitet. Wir haben derartige Szenarien geübt und unsere technische Ausstattung in den letzten Jahren laufend angepasst und erweitert.“ Bei Rizin handele es sich um ein Gift. Es sei nicht infektiös (wie Bakterien und Viren) und werde daher nicht von Mensch zu Mensch übertragen. Die Schadensfolgen hingen daher maßgeblich davon ab, wie viele Menschen betroffen sind und wie die Aufnahme erfolgte.

Terrorforscher Neumann: IS steht unter Druck

Warum Anhänger des IS zunehmend auf Rizin zu setzen versuchen ist für den deutschen Terrorforscher Peter Neumann gut nachvollziehbar. Schließlich stehe die radikalislamistische Gruppe weltweit unter Druck. Von ihrem „Kalifat“, das auf dem Boden Syriens und des Irak 2014 noch die Größe Großbritanniens und 12 Millionen Menschen umfasste, ist nicht mehr viel übrig. Insofern suchten die Anhänger nun noch stärker, durch Anschläge auf sich aufmerksam zu machen. Ihr Problem jedoch sei, dass der Westen mit konventionellen Attacken von Selbstmordkommandos in seinen Städten umzugehen gelernt hätte. Darum suchten sie nun, mit Hilfe von biologischen und chemischen Angriffen Angst und Schrecken zu verbreiten. „Es ist eine psychologische  Eskalation, die der IS beabsichtigt“, so der Professor des Londoner King’s College gegenüber FAZ.NET. Ob das jedoch klappe, sei völlig offen. Die Qualität der Bauanleitungen sei häufig sehr überschaubar. Und dann seien auch die Anhänger oder Sympathisanten mit der Konstruktion zumeist überfordert. Sief H. sei eine Ausnahme. Was die Einsatzkräfte in seiner Wohnung gefunden hätten, deute auf eine andere Qualität hin. „Nach allem was ich sehe waren die Bemühungen dort so weit fortgeschritten wie in keinem anderen Fall.“

Sief H. sitzt nun in Untersuchungshaft. Doch 770 weitere Gefährder leben weiter in Deutschland. Das BKA teilte am Mittwoch mit, die hohe Zahl von radikalisierten Einzelpersonen, die es im Auge zu behalten gelte, bereite der Behörde Sorge. Das ist kein Wunder. Ein entscheidender Hinweis aus der Bevölkerung ist ein Glücksfall, auf den sich niemand verlassen kann.

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