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Einwanderung : „Deutschland hat ein Patriotismus-Problem“

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Welche Rolle spielt die Religiosität der Gesellschaften?

Eine ganz zentrale Rolle. Amerikaner sind pauschal ausgedrückt religiöser als Europäer, die sich als säkularisiert verstehen. Für Amerikaner ist es nicht befremdlich, wenn Menschen ihre Religion ernst nehmen, moralische Schlüsse für den Alltag aus ihr ziehen und sich sogar in der Politik von ihren religiösen Werten leiten lassen. Die säkularisierten Gesellschaften in Europa sind skeptischer gegenüber Einwanderern, deren Leben in gewissem Maße durch Religion bestimmt wird. Doch auch in Europa findet sich die Erinnerung an das Christentum. Die Institutionen sind durchdrungen von christlichen Leitbildern. Diese Konstellation erschwert es dem Islam, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

In Deutschland ist der Islam keine Körperschaft, wird also rechtlich mit Judentum und Christentum nicht gleichgestellt. Der islamische Religionsunterricht in Schulen hat es schwer, sich deutschlandweit zu etablieren. Ich war auch immer erstaunt darüber, wie christliche Feste in einem Land begangen werden, in dem sich die Menschen immer mehr als säkularisiert verstehen. Feiertage wie Weihnachten, Fasching oder Ostern dominieren den öffentlichen Raum, während islamische Feiertage nicht beachtet werden. Muslime fühlen sich dadurch von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen. Aus ihrer Sicht wird ihre Religion nicht gleich behandelt.

In den Vereinigten Staaten spielt Religion eine gewichtige Rolle als in Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten. Warum sehen wir in Amerika nicht den zu oft erwarteten Zusammenstoß der Religionen?

Weil Amerikaner glauben, dass Religionen als solches etwas Gutes sind. Den Zusammenstoß der Religionen gab es vor hundert Jahren, keine Frage. Im Laufe des 21. Jahrhunderts wurde der religiöse Mainstream in Amerika vielfältiger. Es kam zu einer Akzeptanz des Katholizismus und des Judentums. Vor diesem Hintergrund ist es für den Islam nicht sonderlich schwer sich zu integrieren.

In Ihrem Buch „Islam und Einwanderung in Europa“ schreiben Sie: „Während von religiös-konservativen Menschen erwartet wird, dass sie Verhalten wie Homosexualität, das von ihnen als unmoralisch angesehen wird, tolerieren, empfinden sie es als angebracht, religiöse Praktiken oder kulturelle Bräuche, die mit liberal-säkularen Normen in Konflikt stehen, nicht zu tolerieren“. Warum müssen in Europa besonders die Vorstellungen über sexuelle Freiheit und die Rolle der Frau akzeptiert werden, um toleriert zu werden?

Amerika ist eine religiöse Gesellschaft und daher bereit, die Forderungen verschiedener Religionen anzuerkennen. Sie sind bereit, Meinungsunterschiede in Bezug auf Sexualität und die Rolle der Frau zu akzeptieren. Das spiegelt sich auch in der politischen Sphäre wider, wo in Bezug auf diese Themen eine Meinungsvielfalt vorhanden ist. Diese fehlt in den Staaten Westeuropas. Der Islam wirkt dann nicht mehr als eine Ausnahme im liberalen Konsens über sexuelle Freiheit.

Die Frustration unter den Muslimen mit Migrationshintergrund liefert einen Nährboden für den Erfolg von Hasspredigern und ihrer radikalen Ideologien. Was kann getan werden, um die Radikalisierung einzudämmen?

Aus Europa sind viel mehr Kämpfer nach Syrien und in den Irak gereist, um für den Islamischen Staat zu kämpfen, als aus Kanada oder Amerika. Das liegt an dem problematischen Umgang mit Muslimen in Europa. Es ist eine Gleichstellung des Islam mit anderen Religionen notwendig. Ebenso braucht es eine größere Toleranz gegenüber vielschichtigen Identitäten, die eine Verbindung religiöser und ethnischer Hintergründe mit der Zugehörigkeit zum Land und zur Gesellschaft zulässt.

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