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Einwanderung : „Deutschland hat ein Patriotismus-Problem“

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Ein großer Unterschied liegt in der Geschichte des Staatsbürgerschaftsgesetzes und welche Bedeutung es für diejenigen hat, die in Amerika und Kanada geboren werden. Jeder Mensch, der hier geboren wird, ist laut Verfassung ein Amerikaner. In Deutschland änderte sich das Gesetz erst für diejenigen, die ab Januar 2000 geboren wurden. Für die Türken bedeutet es, dass Kinder aus der zweiten Generation, die heute Erwachsene sind, oft keine deutschen Staatsbürger sind. Diese müssen sich einbürgern lassen. Das haben aber anscheinend nur wenige getan. Das ist natürlich einer der Gründe, warum sich viele Türken nicht als Teil der deutschen Gesellschaft begreifen. Der Staat könnte nun Schritte unternehmen, um die Einbürgerung für diese Menschen zu erleichtern.

Es scheint, als seien die meisten Schwarzen, Latinos und Asiaten in den Vereinigten Staaten stolze Amerikaner - trotz aller Probleme. Stimmt diese These?

Ja, das stimmt. Sie fühlen sich als Amerikaner. Diese Menschen fühlen sich ihrem Land mehr zugehörig als ethnische Minderheiten in europäischen Staaten. In nordamerikanischen Gesellschaften gibt es eine grundlegend andere Haltung gegenüber Einwanderern und ihren Kindern. Es gibt ein Bewusstsein dafür, dass diese Gesellschaften von Einwanderern errichtet wurden. Das hat einen sehr positiven Einfluss auf den Umgang mit Einwanderern. Das führt oftmals zu einer Bereitschaft, Einwanderer als Amerikaner „im Werden“ anzusehen und ihre Kinder als vollwertige Amerikaner zu akzeptieren. Diese Willkommenskultur lässt auch Raum dafür, die Verbindung zur jeweiligen Abstammung zu pflegen und gleichzeitig als amerikanischer Bürger angenommen zu werden. Das Fehlen dieses Raumes erhöht die psychologische Last für Einwanderer in Europa, weil sich eine völlige Hinwendung zur Welt der Mehrheitsgesellschaft äußerst schwierig darstellt.

Ist Deutschland in diesem Zusammenhang nicht in einer besonderen Situation, weil Patriotismus für die Deutschen ein Tabu ist?

Ist es wirklich noch ein Tabu? Ich war 2006 während der Fußball-WM in Deutschland. Die Identifikation mit der omnipräsenten deutschen Flagge hat mich damals sehr überrascht. Das war nicht das Deutschland, was ich von früher kannte, wo Patriotismus nur sehr bescheiden zum Vorschein kommen durfte.

Das beschränkt sich aber nur auf Weltmeisterschaften.

Sie haben natürlich recht, dass Deutschland ein Patriotismus-Problem hat. Es gibt einen langen psychologischen Schatten, den der Zweite Weltkrieg wirft. Die Vereinigten Staaten sind im Gegensatz dazu ein extrem patriotisches Land, wo sich Menschen nicht davor scheuen, überall die Flagge zu hissen. Als würde man nicht wissen, in welchem Land man gerade ist (lacht). Die amerikanische Flagge gehört bei uns zum Alltag. Und auch wenn Einwanderer zeigen wollen, dass sie zum selben Land gehören wollen, dann zeigen sie Flagge.

In Ihrer Untersuchung heißt es, dass der Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und Europa darin besteht, dass es in Amerika einen Fokus auf der Rassenfrage gibt und in Europa auf der Religionszugehörigkeit. Warum ist das so?

Man kann ruhig Islam-Frage sagen. Sie steht in Europa im absoluten Fokus, weil Muslime natürlich einen größeren Teil der Bevölkerung ausmachen als in den Vereinigten Staaten. Der Fokus liegt unter anderem deshalb auf der Islam-Frage, weil viele Einwanderer, die aus islamischen Staaten nach Europa kommen, wenig gebildet sind, aus der Arbeiterklasse stammen und auf der Suche nach Arbeit sind. Das löst Ängste aus. Es ist nun mal so, dass mehrheitlich Marokkaner in die Niederlande, Algerier nach Frankreich und die Türken nach Deutschland kommen. Hingegen sind die muslimischen Einwanderer in den Vereinigten Staaten sehr gebildet und kommen aus anderen Teilen der Welt, besonders aus Südasien.

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