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Rezension : Zwischen Gehorsam und Eigensinn

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Inga Markovits befasst sich am Beispiel der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität mit dem Verhalten von Juristen in der DDR. Bild: dpa

Mehr als „mürrischer Gehorsam“? Das Verhalten von Juristen in der DDR.

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          Inga Markovits befasst sich am Beispiel der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität mit dem Verhalten von Juristen in der DDR. Die profunde Kennerin geht der Frage nach, wie sich diese nach dem verheerenden Wirken ihres Berufsstandes im Nationalsozialismus in der DDR verhielten, als sie erneut vor die Wahl zwischen Macht und Recht gestellt waren: „Waren sie eher bereit, Willkür von oben fraglos durchzusetzen, oder sie durch das Bestehen auf formalen Regeln abzumildern?“ Markovits nähert sich diesen Fragen anhand von drei Geschichten. Während sie im ersten Kapitel Anpassung und Unterwerfung beleuchtet, ist das zweite Kapitel dem daraus resultierenden „mürrischen Gehorsam“ gewidmet, während im dritten das Ausloten von Handlungsspielräumen vorgestellt wird.

          Ausgangspunkt ist die Situation nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Unter der Aufsicht der sowjetischen Besatzungsmacht wird die Universität entnazifiziert und der Betrieb aufgenommen. Die meisten Juraprofessoren gelten wegen ihrer Verstrickungen in den NS-Staat als nicht geeignet, die neuen Juristen auszubilden, so dass der Lehrbetrieb für 350 Studenten lediglich mit zwei Professoren und dem Dekan aufgenommen wird. Für die Gewinnung des neuen Personals werden die formalen Anforderungen an die fachliche Qualifikation gesenkt, da die „richtige Gesinnung“ wichtiger ist als Fachwissen. SED-Kader sollen dafür sorgen, dass loyale Richter und Staatsanwälte ausgebildet werden, die frei von „bürgerlichen Rechtsvorstellungen“ sind. Die Studenten sollen, „bevor sie berufliche Kenntnisse und Fähigkeiten erwarben, von dem Glauben überzeugt werden, dass sie diese Fähigkeiten im Interesse der Partei“ anzuwenden haben. „Bürgerlichen“ Lehrkräften wird vorgeworfen, nicht im Sinne der SED und des Sozialismus zu unterrichten, sondern rechtlich-formal zu argumentieren. Unter dem Eindruck der Repressalien fliehen zahlreiche Professoren und Studenten in den Westteil der Stadt und gründen die „Freie Universität“, was das Personalproblem weiter verschärft. 1951 werden an allen DDR-Hochschulen der Marxismus-Leninismus zur Grundlage jedes Studiums gemacht und verschärfte Kontrollen eingesetzt. Studenten, die „in ihren bürgerlichen Kommilitonen nicht mehr den Klassengegner, sondern nur noch den Menschen“ sehen, werden gezwungen, sich von ihren als bürgerlich klassifizierten Mitstudenten zu distanzieren und diese zu meiden. In diese Linie passt, dass sich die Humboldt-Juristen 1953 verpflichten, Stalin durch „systematische, ideologische, wechselseitige Überprüfung der einzelnen Vorlesungen“ zu ehren.

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