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Rezension : „Keine Lust zu sterben“ - Ingrid Betancourt als Autorin

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Neues Sachbuch: „Die Wut in meinem Herzen“, das Buch der entführten kolumbianischen Senatorin Ingrid Betancourt.

          Ingrid Betancourt, kolumbianische Senatorin und Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen im Mai, bekommt die ganze Härte der Auseinandersetzung in ihrem Land am eigenen Leib zu spüren: Ende Februar ist sie in die Fänge der linksgerichteten Farc-Guerilla geraten, die im Austausch die Freilassung von gefangenen Rebellen fordert.

          Trotz ausdrücklicher Warnung des Militärs hatte sich Betancourt in die Zone gewagt, in der sich Regierungstruppen und Farc die härtesten Kämpfe liefern, seit Präsident Andrés Pastrana den Friedensprozess für beendet erklärt hat.

          Jetzt erscheint auch in Deutschland Betancourts politisches Glaubensbekenntnis: „Die Wut in meinem Herzen“ erzählt den Werdegang der jungen Politikerin, die in relativ kurzer Zeit zunächst ins Parlament gewählt wurde und es dann auch in den kolumbianischen Senat geschafft hat.

          Ihre Karriere ist ungewöhnlich: Sie stammt aus einer gut situierten Politiker- und Diplomatenfamilie und wuchs in Frankreich und Kolumbien auf, heiratete selbst einen französischen Diplomaten. Nach der Trennung von ihrem Mann kehrte sie mit ihren beiden Kindern nach Kolumbien zurück und fand ein Land vor, in dem sich die Drogenbosse von Cali und Medellín die Politik mit Geld oder Bomben gefügig machten. Guerilla und Paramilitärs lieferten sich auf Kosten der Zivilbevölkerung blutige Auseinandersetzungen. Betancourt arbeitete zunächst im Finanzministerium und gab dann ihren Technokratenposten auf, um selbst Politik zu machen.

          Der ehemalige Präsident am Pranger

          Ihr Programm ist ebenso mutig wie effektvoll. Ohne Rücksicht auf persönliche Verfolgung und Drohungen gegen ihre Familie prangert sie die oft allzu offensichtliche Korruption an. Ihren größten Coup landete sie mit den Anschuldigungen gegen den früheren Präsidenten Samper, der schließlich zugeben musste, seine Wahlkampagne durch kräftige Finanzspritzen des Cali-Kartell finanziert zu haben. Er selbst will von den Zuwendungen angeblich nichts gewusst haben. In der kolumbianischen Gesellschaft, in der sich die politische und wirtschaftliche Macht in der Hand weniger Familien konzentriert, machte sich Betancourt schnell Feinde.

          Betancourts Antriebsfeder ist „Wut“, wie schon der Titel ihres Buches sagt. Doch Wut macht blind, und so nimmt die Autorin Schattierungen oft nicht wahr. Für sie gibt es kein Grau, nur Schwarz und Weiß. Schwarz, das sind alle Politiker, die es in Kolumbien zu Amt und Würden gebracht haben - und die sie für durchweg korrupt hält. Weiß, das ist sie selbst, die sich unter großen persönlichen Opfern dem Kampf um „Wahrhaftigkeit“ verschrieben hat. Weiß ist auch das kolumbianische Volk, das darauf wartet, von ihr aus dem tiefen Sumpf gerettet zu werden. Diese Rettung verspricht sie den Wählern und verhält sich damit nicht anders als die anderen Politiker: Sie bietet große Versprechungen und weckt Hoffnungen, die aber der Realität nicht standhalten können.

          In Lebensgefahr

          Obwohl sie eigentlich dem kolumbianischen Volk aus der Seele sprechen müsste, erreicht sie in jüngsten Wahlumfragen nicht mehr als zwei Prozent der Stimmen. Ob sich mit der Entführung nicht nur ihr Bekanntheits-, sondern auch ihr Beliebtheitsgrad entscheidend steigert, bleibt vorerst Spekulation. Sich ins Guerillagebiet zu begeben war sicher naiv, Kalkül wird man Betancourt aber kaum unterstellen können.

          In der angespannten Situation muss sie mit dem Schlimmsten rechnen. In ihrem Buch schreibt sie: „Meine Beziehung zum Tod ist die einer Seiltänzerin. Wie sie übe ich eine gefährliche Tätigkeit aus, muss im Voraus das Risiko berechnen, aber wie bei ihr siegt jedes Mal wieder der Wille zur Perfektion über die Angst. Ich liebe das Leben leidenschaftlich, ich habe keine Lust zu sterben.“

          Eine Senatskollegin, die ebenfalls mit dem Rebellen verhandeln wollte und gleichfalls von ihnen entführt wurde, wurde inzwischen ermordet.

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