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Politik und Lederhosen : Rettet die CSU!

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Sein Bauch sagt Horst Seehofer nur, dass irgendwas passiert sein muss. Nur was? Bild: dpa

Bis vor kurzem sah sich Horst Seehofer noch als Inkarnation eines politischen Bauchgotts. Nach dem Crash bei der Europawahl sollen ihm „externe Berater“ erklären, wie Politik funktioniert. Schlimmer kann es für die CSU nicht kommen. Höchste Zeit für einen Aufruf.

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          Jetzt geht es für die CSU ums Ganze. 40,5 Prozent bei der Europawahl mag politische Pygmäen, um ein Wort ihres Schimpfmeisters Franz Josef Strauß zu gebrauchen, nicht aufregen. Für seine Partei ist das schlechteste Ergebnis bei landesweiten Wahlen seit sechs Jahrzehnten aber die größtmögliche Verunsicherung. „Was hat da stattgefunden?“, gibt sich Horst Seehofer ratlos, seit sich das CSU-Ergebnis nicht als Rechenfehler erwiesen hat, wie verzweifelte Mitstreiter hofften. Es ist ein Seehofer, der nicht mehr weiß, ob er vor dem Crash am Wahltag das Gas- oder das Bremspedal durchgetreten hat.

          „Es muss irgendwas gewesen sein“, mehr kann Seehofer als Erklärung nicht bieten. Wenig hilfreich ist wieder einmal die Kaste der Kommentatoren, die sich einig sind, dass es nicht klug von der CSU war, zugleich für und gegen eine fortschreitende Integration Europas zu sein. Dass es nicht klug war, dem CSU-Spitzenkandidaten Markus Ferber, dem kreuzbraven Brüsseler Statthalter der Partei, den bajuwarischen Bajazzo Peter Gauweiler vor die Nase zu setzen, der ins 19. Jahrhundert zurück will, vor die Gründung des deutschen Kaiserreichs. Dass es nicht klug war, auf die dünne Plörre der Alternative für Deutschland (AfD) das CSU-Etikett zu pappen und es als Starkbier anzupreisen.

          Pfeifendeckel, wie man in Bayern sagt. In den vergangenen Jahrzehnten lebte die CSU doch prächtig damit, zur gleichen Zeit für und gegen etwas zu sein. In Berlin (weiland Bonn) zuzustimmen und in München zu opponieren, brachte Mehrheiten weit jenseits der Fünfzig-Prozent-Marke. Das dialektische Prinzip - These, Antithese, CSU - bewährte sich noch in diesem Jahr. Die Stromtrassen, welche die CSU in Berlin gut fand, entsetzten sie, als die Kommunalwahlen nahten und Bürger in Gemeinden murrten, über deren Gebiet die Leitungen führen sollen. Bei Seehofer entwickelte sich binnen weniger Tage eine heftige Strommasten-Allergie, die die Wähler mit Stimmen für die CSU honorierten.

          Politik der zwei Herzen

          Auch in der Europa-Politik funktionierte die Politik der zwei Herzen lange Zeit bestens. Auf die EU zu schimpfen und die Schleusen für die Subventionsströme aus Brüssel weit zu öffnen, garantierte herrliche Ergebnisse - 64 Prozent waren es 1999. In der EU zu antichambrieren und auf Vorschriften zu drängen, die den Bayern nützlich erscheinen, um dann die Brüsseler Regelungswut anzuprangern, zahlte sich aus, pekuniär und politisch. Man konnte sich dafür stark machen, in die europäische Aquakulturrichtlinie den Herpes-Virus beim Koi-Karpfen aufzunehmen; danach durfte sich auf einem CSU-Parteitag über die EU erregt werden, die sich in die Erzeugung „heimischer Fische“ einmenge.

          Mein lieber Koi - das müsste in Bayern, dem Land der aufgehenden Sonne, längst zum geflügelten Wort geworden sein. Der Koi ist also in bayerischen Teichen schon zu einer Zeit geschwommen, als sich Japans Adel noch mit anderen Statussymbolen begnügen musste - zumindest in der CSU-Version der Geschichte. Eine Geschichte, die bestens zur Selbstwahrnehmung der Bayern passt, dass alles Schöne, Gute, Begehrenswerte bei ihnen heimisch ist. Das Versailler Königsschloss muss eine Kopie von Herrenchiemsee sein, schon weil der royale Spiegelsaal in Bayern größer als in Frankreich ist.

          „Es muss irgendwas gewesen sein.“ Ja, es ist irgendwas gewesen: Seehofer, Gauweiler und die anderen alten Herren in der CSU haben es übertrieben mit den gymnastischen Verrenkungen. Wie es halt geht, wenn Silberrücken sich im dritten Frühling wähnen. Gauweilers Plädoyer für ein Europa als Eidgenossenschaft, als überdimensionale Schweiz, mag Akademiegespräche beleben - im Wahlkampf stempelte es die CSU zur Heidi-Partei. Sein Donnern gegen die EU-Kommission, die eine „Flaschenmannschaft“ sei, wäre für einen Nachwuchskabarettisten imponierend gewesen - leider verpasste er die Pointe, ob es sich um Einweg- oder Pfandflaschen handelt. Gauweilers Verständnis für die Annexion der Krim durch Russland, die vom Selbstbestimmungsrecht der Völker gedeckt sei, mag als Provokation eines Lonely Rider durchgehen. Für einen stellvertretenden Vorsitzenden einer Volkspartei, die außenpolitische Kompetenz für sich reklamiert, war sie ein politischer Kurzschluss mit anschließendem Kabelbrand, den Seehofer mit einem Lobpreis für die EU als Friedensprojekt löschen wollte; den Wählern stieg dennoch Brandgeruch in die Nase.

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