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Restitution aufgeschoben : Wir müssen uns erst mit uns selbst versöhnen

Bild: dpa

Nachdem Frankreichs Kulturminister die vereinbarte Rückgabe afrikanischer Raubkunst an das Land Benin zur „Leihgabe“ erklärt hat,verkündet das Land seinen Verzicht - und verleiht der Debatte über Restitution eine neue Dimension.

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          Vorerst keine Restitution – als „Leihgabe“ würden der „Mann mit Haifischkopf“ und fünfundzwanzig weitere Kunstwerke aus dem einstigen Königreich Dahomey in ihre Heimat zurückkehren: Mit dieser Erklärung löste Frankreichs Kulturminister Franck Riester Spekulationen über eine neuerliche Wende in der Restitutionspolitik seines Landes aus. Riester machte sie anlässlich eines Symposions in Paris über die Rückerstattung von Raubkunst aus Afrika und die kulturelle Zusammenarbeit insbesondere mit der Republik Benin (F.A.Z. von gestern).

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Im Jahr 2016 hatte Benin die Rückgabe der sechsundzwanzig Objekte aus dem Musée du Quai Branly gefordert. Von François Hollandes Premierminister Jean-Marc Ayrault wurde das Gesuch kommentarlos abgelehnt: Er weigerte sich, den Kulturminister des Landes zu empfangen. Ganz anders reagierte Emmanuel Macron. Nach seiner Wahl zum Präsidenten bestellte er bei der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und dem Ökonomen und Schriftsteller Felwine Sarr einen Bericht, den ihm die Autoren Ende November im Elyséepalast überreichten. Sie plädieren für eine weitgehende Rückgabe. Macron lobte die Arbeit und schien sich grundsätzlich zu ihren Folgerungen und Forderungen zu bekennen. Eine Stunde nach der Übergabe ließ er verlauten, „ohne Verzögerung“ würden die von Benin eingeforderten Objekte zurückgegeben. Für das Frühjahr kündigte er eine Pariser Restitutionskonferenz an.

          Aus Benin bekam Macron viel Lob. Die Objekte stammten aus einer Zeit, als Afrika noch nicht von den Kolonialmächten erobert gewesen sei, schrieb der Kunsthistoriker Didier Marcel Houénoudé, der an der Universität von Abomey-Calavi (Benin) lehrt. Houénoudé gehörte zu der Delegation, die 2016 in Paris auf verschlossene Türen stieß. Die Jugend könne sich heute nicht mehr vorstellen, dass es einst unabhängige und starke afrikanische Staaten gab. Die Rückführung sei ein Instrument zur Rückeroberung ihrer Identität und letztlich ein Mittel gegen die Auswanderung. Das Königreich Dahomey war im siebzehnten Jahrhundert durch den Sklavenhandel wohlhabend und mächtig geworden. 1892 hatte der französische General Dodds Dahomey erobert und die geraubte Kunst nach Paris geschickt.

          Wochenlang gab es keine Informationen über den Stand der von Macron versprochenen Rückführungen und der Vorbereitungen für die Pariser Konferenz. Dann wurde Riesters Symposion ziemlich kurzfristig einberufen. Benin schickte den Schriftsteller und Dramaturgen José Pliya. Er leitet die Agentur zur Förderung des Tourismus. Sarr und Savoy waren der Einladung nicht gefolgt.

          Riester bekannte sich zum Prinzip der Restitution, wie es Macron formuliert hatte, erklärte aber auch, dass es nicht darum gehen könne, „die französischen Museen zu leeren“. Die Kulturgüter müssten zum Ferment einer Versöhnung zwischen Europa und Afrika werden. Rückgaben setzten ein neues Gesetz voraus, und weil im Parlament die Traktandenliste schon so lang sei, werde man sich mit Leihgaben begnügen.

          Was will Macron? Offenbar hat er eingesehen, dass die Einhaltung seines Versprechens problematisch wäre. Für die Renovierung von Notre-Dame hat er ein Ausnahmegesetz durchgepeitscht. Auch Restitutionen könnte Macron in Einzelfällen im Eilverfahren verordnen: Frankreich bleibt eine Republik mit monarchischen Zügen. Der Präsident aber hält sich zurück. Er spielt auf Zeit.

          Dass Macron keine Wende in der Rückgabepolitik vollziehe, ist die Überzeugung der konservativen „Tribune de l’Art“. Ihr Redakteur Didier Rykner war an der Tagung dabei. Auch eine Leihgabe hält Rykner für gesetzeswidrig. Zu Riesters Versprechen verstärkter kultureller Zusammenarbeit schreibt er: „Will Frankreich, das seinen Institutionen immer weniger Mittel zur Verfügung stellt, in Benin ein Museum finanzieren?“ Dessen Beschwichtigung der Sammler und des Kunsthandels bezeichnet Rykner als „grotesk und verlogen“. Es könne ja nicht sein, dass die von Gesetzes wegen unveräußerlichen staatlichen Kollektionen schlechter geschützt seien als die privaten. Riester persönlich habe im April angeordnet, dass Kunst aus Benin von einer Auktion in Nantes, in dessen Hafen die Sklaven nach Frankreich kamen, zurückgezogen werden musste.

          Eine Kehrtwende Macrons scheinen Sarr und Savoy zu befürchten. „Es gibt nichts zu sagen“, schrieb uns Bénédicte Savoy per E-Mail und schickte die knappe Zusammenfassung – in englischer Sprache – eines ungenannt bleibenden Teilnehmers, der befand, die Rückgabe werde nicht in Frage gestellt. „Voilà“, so Savoy dazu: „Nicht viel, und vor allem nicht die Fake News, die man da und dort hat lesen können.“ Weitere Fragen – etwa, warum sie der Veranstaltung fernblieb – ließ sie unbeantwortet.

          Die wundersame Wende erfolgte im Anschluss an die Veranstaltung. Sie nährt die Vermutung, dass das kurzfristig organisierte Kolloquium eine raffinierte Inszenierung war. Am Tag nach der Tagung erklärte José Pliya in einem Interview mit der katholischen Zeitung „La Croix“: „Wir wollen die Leihgabe nicht, wir warten auf die Eröffnung eines Museums, in dem wir sie angemessen präsentieren können. Noch fehlen die Voraussetzungen dafür.“

          Ohne Rücksprache mit seiner Regierung hätte Pliya diesen Verzicht sicher nicht verkündet. Zweifellos stand er schon vor dem Symposion fest. Der Schriftsteller hatte dafür auch eine Begründung bereit, die der Debatte über die Restitution von kolonialer Raubkunst eine neue Dimension verleiht: „Das damalige Königreich Dahomey“, sagte er der Zeitung, die in Frankreich niemand zu lesen scheint, „war der erste koloniale Sklavenjäger der anderen Ethnien. Es hat Razzien veranstaltet und Sklaven verkauft. Wir müssen zunächst unsere eigene Arbeit der Versöhnung leisten, um die geraubten Güter angemessen in Empfang nehmen zu können.“

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