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Rentenreform : Frankreichs schöner Ruhestand

Frankreichs Rentner bekommen viel Geld. Eine Reform des Systems ist nötig, aber schwer.

          Wohl dem, der in Frankreich bei der Bahn arbeitet. Denn er darf auf ein langes drittes Lebensalter hoffen. Bei der staatlichen Pariser Transportgesellschaft RATP beträgt das durchschnittliche Rentenalter 55,7 Jahre und bei der Staatsbahn SNCF 56,9 Jahre. Bei Erreichen der vollen Beitragsjahre sind die Renten komfortabel: Im Durchschnitt 3705 Euro brutto pro Monat bei der RATP sowie 2636 Euro bei der SNCF. Der durchschnittliche Beamte Frankreichs kommt auf 400 Euro weniger als die SNCF-Rentner.

          Diese Zahlen hat kürzlich der französische Rechnungshof veröffentlicht. Kurz danach legte ein Gremium aus Fachleuten im Auftrag von Emmanuel Macron seine Vorschläge für die Rentenreform vor. Es ist eines der heißesten Eisen, das der Präsident anpackt. Er will die 42 Sonderrentensysteme für einzelne Berufsgruppen abschaffen und die Franzosen allgemein dazu bringen, länger zu arbeiten. Wenn er konsequent vorgeht, steht eine Mammutreform an.

          An der Dringlichkeit besteht kein Zweifel, wie das umfangreiche statistische Material belegt. Würden sich die Sonderrentensysteme selbst finanzieren, wäre das anders. Doch bei der Bahn decken die Beiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern nur rund ein Drittel der Ausgaben, bei der Pariser Transportgesellschaft ist es nicht viel mehr. Der größte Teil des Geldes kommt vom Staat. Der Reformbedarf erschließt sich schon beim Blick auf die Lebenserwartung: Heute leben die Franzosen im Durchschnitt 14 Jahre länger als Ende der fünfziger Jahre. Ein heute in Frankreich geborenes Mädchen darf hoffen, mehr als 85 Jahre alt zu werden, bei Jungen sind es fast 80 Jahre. Damit leben die Männer etwa ein Jahr länger als in Deutschland, die Frauen zwei Jahre. Das bedeutet, dass den Französinnen nach dem Rentenbeginn inzwischen 27 weitere Jahre bleiben. Das ist erfreulich, doch es muss auch finanziert werden.

          Ende der fünfziger Jahre lag das Eintrittsalter für die staatliche Rente noch bei 65 Jahren. Der sozialistische Präsident François Mitterrand senkte es Anfang der achtziger Jahre auf 60 Jahre. Damit fingen die Sorgen an. Nur mühsam haben die Regierungen es seither geschafft, das Rentenalter wieder auf 62 Jahre anzuheben. Tatsächlich gehen die Franzosen durchschnittlich erst mit mehr als 63 Jahren in Rente, weil die meisten vorher nicht genügend Beitragsjahre gesammelt haben, um eine volle Rente zu bekommen. Auch damit aber liegt das Rentenalter im internationalen Vergleich niedrig. Im Schnitt scheiden die Franzosen rund vier Jahre früher aus dem Arbeitsmarkt aus als die Menschen in den übrigen OECD-Ländern. Das macht das System teuer. Frankreich gibt fast 14 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes für die Rente aus, Tendenz steigend. Kein anderer Posten seiner Staatsausgaben ist größer.

          Die Renten werden vor allem durch hohe Beiträge der Arbeitgeber finanziert, was auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit geht. Zudem tragen die Arbeitnehmer mit ihren Einzahlungen bei, was die Kaufkraft belastet. Doch auch das reicht nicht: Trotz einer hohen Geburtenrate muss der Staat jährlich ein Viertel der Ausgaben aus dem laufenden Haushalt für die allgemeine Rentenkasse reservieren.

          Das geht auf Kosten der Investitionen in die Infrastruktur oder sozialer Hilfen für die wirklich Bedürftigen. Den Rentnern Frankreichs geht es insgesamt gut. Ihre Armutsquote beträgt 3,5 Prozent, nur ein Viertel des OECD-Durchschnitts. Unter der aktiven Bevölkerung gibt es längst viel mehr Arme. Summiert man die Rente und die Bezüge aus privaten Quellen, dann verfügen die französischen Pensionäre heute im Schnitt über höhere Einkommen als die arbeitende Bevölkerung. In der Altersklasse von 66 bis 75 Jahren war dieser Überschuss im Jahr 2014 höher als in allen anderen OECD-Ländern. Denn das Rentensystem stellt eine starke Umverteilung von der berufstätigen Bevölkerung zu den Ruheständlern sicher.

          Macrons Pläne liegen im Einzelnen noch nicht vor, er will zunächst umfangreiche Konsultationen vornehmen, die sich bis ins kommende Jahre ziehen können. Sein Renten-Kommissar Jean-Paul Delevoye schlägt vor, eine Einheitskasse für alle einzurichten, in die jeder eingezahlte Euro zu gleichen Rechten führt. Dies hatte Macron schon im Wahlkampf gefordert. Durch ein Punktesystem soll der Rentenbeginn vor dem künftigen „Gleichgewichtsalter“ von 64 Jahren möglich sein, allerdings nur mit größeren Abschlägen. Länger zu arbeiten, bringt dagegen Pluspunkte.

          Die Reform soll sich von 2025 an über einen Zeitraum von 15 Jahren hinziehen. Leider fehlt darin ein Element privatwirtschaftlichen Vorsorge, so dass die Reform die Staatsausgaben kaum senken dürfte. Doch Macron meint, dass er mit der Abschaffung der Sonderregime schon genügend Konfliktpotential schafft. Ein Teil der Gewerkschaften hat für den September Proteste angekündigt. Auch die Gelbwesten können jederzeit wieder zurückkommen. Macron ist vorsichtiger geworden. Die Rentenreform wird der große Gradmesser für seine Entschlossenheit und seine Durchsetzungskraft.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

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