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Religionsgeschichte : Das Kreuz und die Christen

„Gott geht den Schuldigen entgegen und versöhnt sie”: Papst Benedikt sieht darin die wahre Bewegungsrichtung des Kreuzes Bild: AFP

Verzerrungen und problematische Deutungen durchziehen die Geschichte der Kreuzestheologie. Denn viel mehr als sein „dinglicher“ Charakter sorgt die Frage, ob das Kreuz Zeichen der Erlösung ist, für Kontroversen.

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          Sie stehen auf Gipfeln und hängen in Kirchen, schmückten auch Rüstungen und zieren noch immer die Stirnwand von Gerichtssälen: Kreuze sind das Symbol des Christentums schlechthin. Mehr noch: Sie machen dessen Anspruch sinnfällig, die gesamte Wirklichkeit unter dieses Zeichen zu stellen. Doch nicht dieser „dingliche“ Charakter allein macht das Kreuz zum Gegenstand von Kontroversen jeder erdenklichen Art, darunter jüngst jener, die zu der Aberkennung des Hessischen Kulturpreises für den deutsch-iranischen Schriftsteller Navid Kermani führte. Noch anstößiger ist die Deutung, die Christen dem Kreuz beilegen, die Theologie des Kreuzes als eines Heilszeichens. Doch ist sie zutreffend mit den Worten umschrieben, in der Person des gekreuzigten Jesus von Nazareth leide ein Mensch, um Gott zu entlasten (Kermani)?

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Ausgangspunkt ist ein Geschehen, das sich (nach heutiger Zeitrechnung) vermutlich an einem Apriltag des Jahres 30 in der Nähe des Jerusalemer Tempelberges abgespielt hat. Mit Billigung religiöser jüdischer Autoritäten richteten die römischen Besatzer wieder einmal einen Juden hin. Der Mann hieß Jesus und hatte in den drei zurückliegenden Jahren als religiöser und politischer Provokateur von sich reden gemacht. Er hatte das jüdische Sabbatgebot gebrochen und die Reinheitsvorschriften missachtet, das jüdische Gesetz in Frage gestellt und sich mit Personen umgeben, die außerhalb der kultischen und sozialen Ordnung des Judentums standen - und das alles mit dem Anspruch, das wahre Königreich Gottes aufzurichten. Dieser Anspruch kam in den Augen der jüdischen Orthodoxie der Gotteslästerung gleich, in den Augen der römischen Besatzungsmacht politischer Subversion. So wurde Jesus als „König der Juden“ hingerichtet - und das auf eine Weise, die nicht nur besonders qualvoll war, sondern als besonders unehrenhaft erscheinen sollte: Römische Bürger durften nicht gekreuzigt werden.

          „Gott wartet nicht, bis die Schuldigen kommen“

          Das gewaltsame Ende in Jerusalem kam für Jesus nicht unerwartet. Das allgemeine Klima war aufgeheizt, Johannes der Täufer hatte seine Provokationen der jüdischen Autoritäten nicht lange überlebt. Allerdings zerstörte die Kreuzigung die Hoffnung vieler seiner Anhänger. Sie sahen in Jesus den endzeitlichen Heilsbringer („Messias“), von dem die jüdischen Propheten gesprochen hatten. Folglich löste sich die Jesus-Bewegung nach dessen schmählichem Tod auf - doch nur, um sich bald neu zu formieren und die Juden mit der Überzeugung zu provozieren, dass der Gekreuzigte wirklich der Messias gewesen sei. Das Paradoxe dieser Behauptung war ihnen wohl bewusst. Ein Jude namens Saulus, der die (bald) sogenannten Christen bekämpft und dann die Seiten gewechselt hatte, schrieb unter dem Namen Paulus an die sich neu bildende Gemeinden im griechischen Korinth, die Behauptung, dass Gott den scheinbar Verfluchten nicht im Tod gelassen, sondern ihn „über alle erhöht“ habe, sei für die Juden ein Ärgernis und für die Heiden eine Torheit. Damit sind die bis heute vorherrschenden Motive der Ablehnung der Kreuzestheologie benannt: Gotteslästerung, Idolatrie, Ideologie.

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