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Regierungsbilanz : Die schönste Form der Hausbesetzung

Das hat die nicht verwundert, die sich von dem „psychodramatischen Wechsel von Verhaltensstilen“ (Henning Ritter) nicht darüber hatten täuschen lassen, daß „alle Wege der Bewegung in den Supermarkt führten“ (Peter Sloterdijk). So schien denn der offensichtlichste Wandel jener Jahre derjenige Joschka Fischers vom Verfechter einer waschfeindlichen Turnschuhkultur zum Dreiteilergehabe des Weltdiplomaten zu sein.

Der Stilwechsel in der Politik vollzog sich äußerlich durch Selbststilisierung von Kanzler und Vizekanzler als Modist und Sportler, Brioni-Anzug und Marathon. Hinzu kam, daß mit Schröder und Fischer zwei große Unterhalter antraten. Regieren mache „Spaß“, hieß es bei Rot-Grün eine Zeitlang, ehe haarsträubende handwerkliche Fehler und ein rasanter Ministerverschleiß (sieben innerhalb von zwei Jahren) ernste und nie wieder zerstreute Zweifel an der Professionalität aufkommen ließen.

Nachhaltigkeit als Leitfaden

Die nachholende Modernisierung der Schröder-Regierung billigten allerdings auch Konservative, die das Ancien Kohl-Regime zuletzt als lebensfremd empfunden hatten. Schröder gelang es sogar, prominente Berater und Helfer aus dem CDU-Lager für seine Kommissionen zu gewinnen (Süssmuth, Weizsäcker, Biedenkopf).

Die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, die Ausländerpolitik, die Wiederentdeckung der Schule als Ort sozialen Lernens holten Vergessenes nach. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ verlieh der Politik einen entideologisierten, gleichwohl nicht wertfreien Leitfaden. Rot-Grün sicherte der Tatsache Akzeptanz, daß bei den Lebensentwürfen aus der Summe der Ausnahmen längst eine Vielzahl geworden ist: Alleinerziehende, Homosexuelle, Kinderlose.

In Frankreich staunte man, als Schröder im Herbst 1998 ankündigte, er werde einer Einladung des französischen Staatspräsidenten zu einem Weltkriegsendgedenken in Paris nicht folgen. Das war in der Tat ein Traditionsbruch. Er blieb ein mißratener Versuch. Später nahm Schröder alle Einladungen zum Kriegsgedenken an.

Vorbild selbstkritischer Erinnerungskultur

Der Kanzler entdeckte zwischen Normandie und Moskau die Geschichtspolitik als Bewährungs- und Betätigungsfeld des Staatsmannes und folgte darin seinem Vorgänger. Ja, er übertraf diesen mit gelegentlich mittelmächtig auftrumpfenden Äußerungen zur Rolle Deutschlands in Europa und zum „deutschen Weg“ in der Welt. Der vatermörderische Zug der Achtundsechziger hat die Geschichtspolitik der rot-grünen Regierung jedenfalls nicht geprägt, im Gegenteil.

Schröder suchte und besuchte als Bundeskanzler das Grab seines Vaters, der im Zweiten Weltkrieg in Rumänien gefallen war. Der Kanzler verstand es auf ungezwungene Weise, Deutschland international als Vorbild einer selbstkritischen Erinnerungskultur zu etablieren.

In der Debatte um die Entschädigung für frühere ausländische Sklavenarbeiter bekannte sich die rot-grüne Bundesregierung zu deutschen Verpflichtungen, vertrat dabei aber, repräsentiert vom liberal-konservativen Grafen Lambsdorff, auch nationale Interessen. Von einer gesellschaftspolitischen Wende konnte jedenfalls keine Rede sein, wo es um das Geschichtsbild der Deutschen ging.

Geänderte Familienbilder

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