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Schottischer Volksentscheid : Währungsroulette in Großbritannien

Die Schotten könnten mir der Abspaltung von Großbritannien auch ihre Währung verlieren Bild: dpa

Die Schotten stimmen in wenigen Wochen in einem Referendum über die Abspaltung von Großbritannien ab. Sagen sie „ja“ zu einem eigenen Staat, müssen sie wohl auch das britische Pfund aufgeben. Es droht ein währungspolitisches Chaos.

          In den dunkelsten Stunden der Euro-Krise stand die Frage unübersehbar im Raum: Wenn die Währungsunion ein Irrweg ist, kann man sie dann nicht ganz oder teilweise wieder rückgängig machen? Können nicht einzelne schwache Länder oder sogar alle zu ihren nationalen Währungen zurückkehren? Niemand hat es gewagt, die Probe aufs Exempel zu machen, zu groß waren den Politikern die Risiken. Die Rückabwicklung einer einmal etablierten Währungsunion könnte politisch und wirtschaftlich extrem teuer werden, da ist sich die Mehrheit der Fachleute einig.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und doch wird in wenigen Wochen in Europa eine Währungsgemeinschaft bewusst aufs Spiel gesetzt – und zwar ironischerweise eine, die seit Jahrhunderten bestens funktioniert. Am 18. September stimmen die Schotten in einem historischen Volksentscheid über die Abspaltung von Großbritannien und die Gründung eines souveränen Nationalstaats ab. Das Vereinigte Königreich, wie wir es heute kennen, könnte damit schon bald Geschichte sein. In diesem Referendum geht es um Richtungsentscheidungen auf vielen Gebieten. Doch im Wahlkampf überragt zu Recht eine Frage alle anderen: Wem gehört das britische Pfund?

          Alex Salmond, der in Edinburgh regierende Ministerpräsident, will ein freies Schottland, aber das gemeinsame Geld will er behalten. In London dagegen sind sich alle große Parteien einig: Wenn Schottland Großbritannien den Rücken kehrt, dann müsse es sich auch vom Pfund verabschieden. Es wäre das Ende der Währungsgemeinschaft zwischen England und Schottland, die seit dem frühen 18. Jahrhundert Bestand hat.

          Der Streit ums Pfund ist brandgefährlich: Ein Sieg der schottischen Nationalisten im Referendum könnte nicht nur zu einer innenpolitischen Krise führen, sondern wegen der ungeklärten Währungsfrage auch zu einem ökonomischen Erdbeben. Umso erstaunlicher ist, wie gelassen der Finanzmarkt das bevorstehende Referendum bisher nimmt. Als im Frühjahr 2012 ein Ausscheiden Griechenlands aus der Europäischen Währungsunion vorübergehend denkbar erschien, spielten die Märkte verrückt. Im Fall der britischen Währungsunion, die definitiv vor einer Zerreißprobe stehen wird, ist dagegen von Unruhe nichts zu spüren: Das Pfund hat in den vergangenen zwölf Monaten gegenüber dem Euro um gut 8 Prozent aufgewertet.

          Am Finanzmarkt wackelt in den vergangenen Tagen ein ehemals breiter Konsens, dass der Spuk bald vorbei sein wird, weil die Schotten schon nicht für die Abspaltung stimmen werden. In den Meinungsumfragen lagen die Unionisten in der Wählergunst monatelang deutlich vor den Separatisten, jüngst aber ist der Vorsprung nicht mehr so deutlich: In einer am Dienstag veröffentlichten Untersuchung des Instituts YouGov für die Tageszeitungen „The Sun“ und „The Times“ sprachen sich 47 Prozent der befragten schottischen Wahlberechtigten für die Abspaltung aus, während 53 Prozent dagegen waren. Viele Wähler sind noch unentschlossen, der Wahlkampfapparat der Separatisten gilt als der schlagkräftigere. Mit einem starken Finish könnten sie am Tag der Entscheidung durchaus für eine Überraschung sorgen.

          Schottische Großbanken könnten durch Kapitalflucht in Bedrängnis kommen

          Wenn die Schotten doch „ja“ zum eigenen Staat sagen sollten, drohen währungspolitische Chaostage. Den kurzfristig sichersten Weg, um für Stabilität zu sorgen – nämlich gemeinsam weiter das Pfund zu nutzen –, schließt London aus. Bisher jedenfalls. Alternativ könnte Schottland zwar einfach die angestammte Währung ohne formelle Währungsunion behalten, etwa so, wie Montenegro den Euro verwendet ohne Euromitglied zu sein. Denkbar wäre auch, dass die Schotten ihre eigene Währung schaffen oder dem Euro beitreten. Aber egal, welchen „Plan B“ die Regierung in Edinburgh auch verfolgen sollte: In jedem Fall wären zunächst wohl wichtige Fragen offen, und diese Ungewissheit wäre eine akute Bedrohung – nicht nur für Schottland, sondern auch für den großen Rest von Großbritannien.

          Ein Votum für die Unabhängigkeit könnte eine Welle der Kapitalflucht auslösen: Die Gefahr ist, dass viele Kunden ihre Einlagen von schottischen Banken abziehen. Zwar macht das kleine Schottland nur rund 8 Prozent der britischen Wirtschaftsleistung aus. Aber mit der Royal Bank of Scotland und der Bank of Scotland haben zwei der größten britischen Kreditinstitute ihren Hauptsitz im Norden. Sie könnten durch die zu erwartenden Mittelabflüsse rasch in Bedrängnis kommen – und weil sie systemrelevant sind, wäre dies eine Gefahr für den gesamten Bankensektor auf der Insel. Deshalb ist das Währungsroulette eben nicht nur das Problem von Edinburgh, sondern auch das von London.

          Schottlands Regierungschef Salmond hat angekündigt, er wolle nach einem Sieg der Separatisten im Referendum die Einzelheiten der Trennung binnen anderthalb Jahren aushandeln. Aber in der Währungsfrage ist ein solcher Zeithorizont illusorisch: Tatsächlich bliebe wohl viel weniger Zeit, um für Klarheit zu sorgen und die Gefahr einer Bankenkrise abzuwenden. Großbritanniens Politikern stehen dann womöglich nächtliche Marathon-Krisensitzungen bevor, wie sie die Amtskollegen in der Eurozone in den vergangenen Jahren durchlitten haben.

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