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Nationalisten in Umfrage erstmals vorn : Schottland auf Unabhängigkeits-Kurs

  • Aktualisiert am

Schottische Fußballfans feuern im Wembley-Stadion in London ihre Mannschaft an. Am 18. September stimmen die Schotten über eine Unabhängigkeit ihres Landes ab. Bild: dpa

Krisenstimmung in London: Wenige Tage vor dem Referendum liegen die Befürworter eines unabhängigen Schottlands in einer Umfrage erstmals vorn. Die Downing Street will die Nationalisten nun mit einem hektischen Manöver in Schach halten.

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          Eine Umfragemehrheit für die Abspaltung Schottlands vom Vereinigten Königreich kurz vor dem geplanten Referendum sorgt für Schockwellen im politischen Establishment Großbritanniens. Nach einer Erhebung im Auftrag der Zeitung „Sunday Times“ sprachen sich 51 Prozent der Schotten dafür aus, sich von England, Wales und Nordirland zu lösen, 49 Prozent waren dagegen. 

          Erstmals liegt die Unabhängigkeitsbewegung damit in Umfragen vorn. Die Ergebnisse haben in London Krisenstimmung ausgelöst. Königin Elizabeth II. befürchte inzwischen eine Verfassungskrise und wolle täglich auf dem Laufenden gehalten werden, berichtete die „Times“. Offiziell ist der Palast neutral, die Zeitung beruft sich auf hochrangige Beamte.

          Großbritanniens Premierminister David Cameron wollte am Sonntag zur schottischen Residenz der Queen fahren, wo sie sich traditionell im Sommer aufhält. Am Wahlkampf werde er sich am Wochenende nicht beteiligen, hieß es aus der Londoner Downing Street. Camerons konservative Partei hat in Schottland wenig Rückhalt.

          Die Schotten stimmen am 18. September darüber ab, ob sie sich vom Vereinigten Königreich abspalten wollen. Sollte eine Mehrheit mit „Ja“ stimmen, soll das Land im Frühjahr 2016 unabhängig werden.

          Im Lager der „Unionisten“ und in der britischen Regierung hat der Umfragetrend so kurz vor dem Referendum hektische Reaktionen ausgelöst. „Diese Umfragen können und müssen jetzt ein Weckruf für alle sein, die dachten, das Referendum sei schon entschieden“, sagte Alistair Darling, der an der Spitze der Anti-Unabhängigkeitskampagne „Better Together“ steht.

          Zugeständnisse der Downing Street

          Der britische Schatzkanzler George Osborne kündigte für die kommenden Tage eine parteiübergreifende Initiative an, um den Schotten mehr Unabhängigkeit innerhalb des Vereinigten Königreichs zuzubilligen. Geplant seien zusätzliche Kompetenzen in der Steuer-, Haushalts- und Sozialpolitik, auch werde es einen konkreten Zeitplan hierfür geben, sagte Osborne.

          Der Vorstoß soll die Nationalisten stoppen - und die Schotten davon überzeugen, dass sie beides haben können: die Vorteile einer größeren Autonomie etwa in der Steuer- und Haushaltspolitik und die Stabilität einer Mitgliedschaft in der EU als Teil Großbritanniens. „Die Leute sollten wissen, dass sie, wenn sie mit ,Nein’ stimmen, eine größere Unabhängkeit Schottlands bekommen ohne die Risiken einer Abspaltung“, sagte der Schatzkanzler.

          Auch in Brüssel wachsen offenbar die Sorgen, dass eine Abspaltung Schottlands erheblichen politischen Schaden anrichten könnte. Wie die Zeitung „Guardian“ berichtete, müsste ein unabhängiges Schottland nach Einschätzung der EU-Kommission bis zu fünf Jahre warten, um wieder in die Europäische Union aufgenommen zu werden. „In der Kommission herrscht die Auffassung vor, dass sich Schottland neu bewerben und jeder Mitgliedsstaat einer Aufnahme zustimmen müsste“, zitierte das Blatt eine hohe Brüsseler Beamtin.

          Cameron unter Druck

          Innenpolitisch würde ein „Ja“ der Schotten zur Abspaltung ein Erdbeben auslösen. Für Premierminister Cameron könnte es um die politische Existenz gehen. Laut „Sunday Times“ sieht er sich wachsendem Druck ausgesetzt, sein Amt zur Verfügung zu stellen, sollte es eine Mehrheit für eine schottische Unabhängigkeit geben.

          Camerons Vorgänger, der schottische Labour-Politiker Gordon Brown, machte die Politik der Konservativen für die schrumpfende Unterstützung für die Einheit verantwortlich. Diese hielten die regierenden Tories von Cameron für elitär und an den Problemen Schottlands wenig interessiert.

          Rasante Aufholjagd

          Innerhalb eines Monats haben die Befürworter einer Abspaltung in den Umfragen um 14 Prozentpunkte aufgeholt. Allerdings gibt es noch zahlreiche Unentschiedene. Berücksichtigt man diese in der neuen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für die „Times“ mit, unterstützen 47 Prozent die Unabhängigkeit, 45 Prozent wollen die Union erhalten.

          Nach Angaben von YouGov fand die Befragung nach einer zweiten Fernsehdebatte statt, die der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, Alex Salmond, nach Ansicht vieler Beobachter für sich entschieden hat. „Die letzte Umfrage war die erste, die einem ,Ja' eine echte Möglichkeit einräumt“, teilte das Institut mit.

          In einer zweiten am Sonntag veröffentlichten Umfrage lagen die Unionisten weiterhin knapp vorn. 52 Prozent wollten weiter zu Großbritannien gehören, 48 Prozent lieber eigenständig sein, ermittelte ein Meinungsforschungsinstitut im Auftrag der „Yes“-Kampagne, die für die Unabhängigkeit wirbt.

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