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Referendum in Schottland : Im Pub feiern nur die „Yes“-Anhänger

Schotten am Tresen eines in „Yes Bar“ umgetauften Pubs in Glasgow Bild: AFP

Vor den Wahllokalen in Schottland stehen Anhänger und Gegner der Unabhängigkeit Spalier. Und wer nicht zur Wahl kommt, wird noch einmal sanft daran „erinnert“. Szenen aus einem Wahllokal in Edinburgh.

          Die Wähler, die ihre Stimme in der „James Gillespie Primary School” abgeben wollen, müssen vor dem Schulhof ein letztes politisches Spalier passieren. Links halten drei Edinburgher rote “No”-Schilder hoch, rechts genauso viele Edinburgher blaue “Yes”-Schilder. „Wir agitieren hier niemanden mehr”, versichert Ed Hopkins, „No”-Schildträger, und ab morgen wieder Wirtschaftsprofessor an der Universität von Edinburgh. „Der Wahlkampf ist vorbei – heute zeigen wir nur noch Flagge.”

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Gegenüber, bei den Anhängern der Unabhängigkeit, wird hingegen bis zuletzt gekämpft. David Anderson, „Yes”-Schildträger und Student, hält einen Stapel mit Karten in der Hand, der ständig dicker wird. Die Karten wurden bei den letzten Hausbesuchen an diejenigen ausgehändigt, die sich als sichere Yes-Wähler bezeichnet hatten. Nun sollen sie die Karten mitbringen und nach der Wahl im Schulgebäude bei David abgeben. „Am späten Nachmittag gleichen wir dann alles ab, und wer fehlt, wird von uns noch einmal zuhause besucht und an die Wahl erinnert.”

          Brauchbares Bild am frühen Morgen

          Erst um zehn Uhr abends wird der Schul-Hausmeister die Wahlkabinen abbauen und die Turnhalle abschließen. Die Gillespie-Grundschule liegt im Edinburgher Süden. Gegenüber stehen gepflegte Bürgerhäuser. Am frühen Morgen eilten die Anzugträger herein, auf ihrem Weg zur Arbeit im Bankenviertel. Danach kamen Mütter, Ältere und ein paar Studenten. Einem hängt ein Union Jack lässig aus der Jackentasche. Andere haben sich Plaketten angeheftet. Aber den meisten ist nicht anzusehen, auf welcher Seite sie stehen. „Das ist hier eine Mitteklasse-Gegend”, sagt Andrew mit einem Anflug von Resignation. „Hier wird es wohl eher ein No geben.”

          4,3 Millionen Wähler sind für das Referendum an diesem Donnerstag registriert. Fast 800.000 haben ihre Stimme schon in Briefform abgegeben. Berechtigt sind alle, die zu einem Stichtag einen festen Wohnsitz in Schottland hatten. Schotten, die zu diesem Zeitpunkt außerhalb der „Landesgrenzen” lebten, dürfen nicht an der Wahl teilnehmen. Ausgezählt wird in insgesamt 32 Bezirken. Die ersten Ergebnisse sollen nach Mitternacht eintreffen, aber ein brauchbares Bild dürfte erst im Laufe der frühen Morgenstunden entstehen.

          Wenn der Ehestreit vorbei ist

          Noch am Mittwoch sagten Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus, mit kleinen Vorteilen für die Gegner der Unabhängigkeit. Die „Yes”-Schildträger vor dem Schulhof wollen die lange Fernsehnacht im Pub verbringen. Die Gasthäuser Schottlands, die ähnlich strikten Regelungen unterliegen wie die Pubs in England, durften eine seltene Ausnahme beantragen. Die „No”-Schildträger werden das Ergebnis dagegen zuhause verfolgen, und das hat einen einfachen Grund: „Es gibt keine No-Pubs”, erklärt Professor Hopkins. „Wenn wir gewinnen, ist das ziemlich langweilig, alles wird bleiben, wie es ist – was gibt's da zu feiern?”

          Im Yes-Camp hat man das gehört und formuliert tröstende Worte. „Das Zusammenraufen nach einem Ehestreit kann doch auch ein schöner Moment sein”, ruft einer herüber. Sofern die Stimmung vor der Gillespie-Grundschule repräsentativ ist, wird die gespaltene Nation am Freitag also wieder zusammenfinden. Das glaubt auch Professor Hopkins: „Das Ergebnis wird sehr, sehr knapp – wir haben gar keine andere Wahl!”

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