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Referendum in Schottland : Ernüchterung nach einer friedlichen Revolution

Ernüchterung nach der Wahlnacht bei den Befürwortern einer Unabhängigkeit Schottlands Bild: AFP

Bis zur letzten Minute haben sie für die Unabhängigkeit gekämpft. Um so größer ist die Enttäuschung der „Yes“-Aktivisten am Morgen danach. Nun hoffen sie, dass Schottland dennoch gestärkt aus dem Referendum geht - Szenen einer spannenden Wahlnacht.

          Um viertel nach sechs am Morgen, drei Stunden nach Ausschankschluss und fünf nach der Sperrstunde, ist auch im „Phoenix“ in der Altstadt von Edinburgh Feierabend. Noch sind nicht alle Ergebnisse aus allen Wahlkreisen verkündet, doch dass das Referendum zur Unabhängigkeit Schottlands gescheitert ist, steht fest. Und die Geduld der Pub-Wirtin ist aufgebraucht. Sie weist ihre verbliebenen Gäste beherzt zur Tür.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die letzte Schottland-Fahne flattert schlaff nach draußen. Nur drei Blocks weiter, in einem Sandsteingebäude an der Queen Street, hatte sich am Abend zuvor der harte Kern der schottischen Unabhängigkeitskämpfer aus Edinburgh-Mitte getroffen. Bis zur letzten Minute hatten sie gekämpft. Sie hatten die Listen möglicher Ja-Wähler abtelefoniert, an Türen geklingelt, Menschen auf der Straße angesprochen und Fahrdienste angeboten. Es war der Endspurt eines jahrelangen Kampfes – der mit der Schließung der Wahllokale um Punkt zehn Uhr abrupt vorüber ist. Und so kommen die vielleicht sechzig Aktivisten, jung und alt, Männer und Frauen und ein Hund, in den Räumen ihres Hauptquartiers zusammen, während die Stimmen zur wichtigsten politischen Entscheidung Schottlands seit der Union mit England 1707 ausgezählt werden.

          An den Wänden und in den Fenstern hängen noch die blauen Yes-Plakate, die nicht nur am Abstimmungstag überall in Edinburgh zu sehen waren, und daneben die Titelseite einer Zeitung, die Anfang des Monats erstmals ein Umfrageplus für die Unabhängigkeits-Befürworter verkündet und ihnen so viel Zuversicht gegeben hatte.  An diesem Abend ist die Stimmung angespannt. Die letzten Umfragen sahen wieder die Gegner vorn.

          Das „Belhaven – Original Best“ fließt pintweise aus dem Zapfhahn und fast genauso schnell in die Kehlen. Die Fensterscheiben beschlagen. „Das ist aufregend“, sagt eine junge Frau, die Fingernägel blau lackiert. „Aber unheimlich.“ Dann geht sie vor die Tür, eine rauchen. Erst um 1.28 Uhr werden auf der großen Leinwand und auf dem Fernseher direkt an der Bar die ersten Auszählungsergebnisse vorgelesen: Stimmkreis Clackmannanshire, ziemlich klein und nicht so wichtig, aber das Nein-Lager liegt deutlich vorn.

          „Das ist eine riesige Enttäuschung“

          Eine halbe Stunde später gehen auch die Orkney-Inseln an die Gegner, dann die Shetland-Inseln, die Äußeren Hebriden und Inverclyde. Derbe Flüche. Die Stimmung sinkt weiter, der Pegel steigt. „Ich bin Pessimist. Aber das ist eine riesige Enttäuschung“, sagt David Williamson, 66, Rentner, Schatzmeister der örtlichen Nationalpartei und Barchef im Hauptquartier. „Wir haben unser ganzes Geld für diesen Kampf ausgegeben. Meine Knie schmerzen vom vielen Treppensteigen.“

          Als das Fernsehen berichtet, dass die Auszählung im Wahllokal in Dundee wegen eines Feueralarms unterbrochen werden musste, wird es im Ja-Lager noch einmal unruhig. Und schon wenig später präsentieren die Ersten auf ihren Smartphones Facebook-Videos, die zeigen sollen, dass während der erzwungenen Unterbrechung Stimmzettel manipuliert worden sind. „Die würden alles tun, damit wir nicht gewinnen“, sagt die Frau mit den blauen Fingernägeln. Dann nimmt sie ihr Whisky-Glas und geht.

          James MacDonald Reid, 66, pensionierter Übersetzer und passionierter Folk-Musiker, sieht einen anderen Grund für die Überlegenheit der Gegner: „Die haben eine absolute Negativ-Kampagne gemacht, das hat funktioniert“, sagt er. „Wir wollten immer nur die positiven Seiten herausstellen und haben zu wenig kritisiert.“ Trotzdem, glaubt er, würden die Kämpfer für die Unabhängigkeit letztlich gestärkt aus dem Referendum gehen: „Wir haben eine Gemeinschaft geschaffen. Nationalisten, Grüne, Sozialisten und Menschen ohne Parteibindung haben so eng zusammen gekämpft, dass das nicht wieder auseinanderbrechen wird. Wir haben hier fast schon eine friedliche Revolution.“

          Gewonnen! Gegner der Unabhängigkeit Schottlands feiern am Freitagmorgen in Glasgow Bilderstrecke

          Auch Alastair Bell, 39, Kaufmann und Vater von Zwillingen, an diesem Abend in einem blauen Rock und passender Krawatte, ist sich da sicher: „Wenn du etwas unbedingt willst, dann ist der Kampf nie vorbei“, sagt er. „Schottlands Unabhängigkeit bleibt eine Frage der Zeit.“

          In dieser Nacht aber gehen die meisten Yes-Kämpfer erst einmal niedergeschlagen nach Hause, um sich dort die restlichen Stimmergebnisse anzuschauen – oder gleich ins Bett zu gehen. Um drei Uhr klingelt David Williamson. Sperrstunde. Da mache die Polizei keine Ausnahme. Fünfzehn Minuten zum Leertrinken. Dann bittet er seine Mitstreiter freundlich zur Tür.

          Eine Handvoll von ihnen zieht noch weiter, ins „Phoenix“, denn das ist der allerletzte Pub, der in dieser langen Nacht noch offen hat. Und so ist es, obwohl auch dort kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden darf, es ist inzwischen schon fast vier, noch proppenvoll.

          „Es gab so viele Unsicherheiten“

          Auch im „Phoenix“ dominiert das Blau des Yes-Lagers. Und als dieses mit Dundee den ersten Wahlbezirk gewinnt, erdröhnt Jubel, als wäre Schottland schon unabhängig oder hätte wenigstens ein Weltmeisterschaftstor geschossen. Fahnen flattern, die Barkeeperin trötet. Hoffnung keimt auf.

          Doch schon wenig später ist es wieder ruhig. Nur einzelne, dumpfe Jubelrufe gibt es. Und Jimmy, 32, Ingenieur in einer Whisky-Fabrik, ballt die Faust. Er hat an diesem Tag „Nein“ angekreuzt. „Beide Seiten haben so viel argumentiert“, sagt er. „Aber keine konnte mich überzeugen. Warum also etwas ändern?“

          Dass Jimmy damit zu einer schweigenden Mehrheit gehört - auch das Straßenbild in Edinburgh hatten die Yes-Sager klar beherrscht – zeigt sich kurz darauf. Die schottische Hauptstadt hat mit 61 zu 39 Prozent gegen die Unabhängigkeit gestimmt. Und BBC verkündet: Schottland bleibt britisch.

          „Ich bin jetzt richtig erleichtert“, sagt Matt Cusworth, 22 und Soziologiestudent. „Ich hatte Angst, es gab so viele Unsicherheiten, die mit der Unabhängigkeit verbunden gewesen wären. Von der Währung bis zur Mitgliedschaft in der EU.“ Und dann beendet kurz vor Morgengrauen die Wirtin des „Phoenix“ diese lange Nacht.

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