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Politische Folgen der Abstimmung : Der Kampf um Schottlands Herz

Lieber ohne London: Befürworter der schottischen Unabhängigkeit marschieren durch Glasgow. Bild: Getty

Sollten die Schotten ihre mehr als 300 Jahre dauernde Zweckehe mit London auflösen, wird sich der britische Premierminister Cameron rechtfertigen müssen. Er ist mit seiner Negativkampagne wie ein drohender Ehemann aufgetreten – und hat erst sehr spät eingelenkt.

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          Als Königin Victoria im September 1848 zum ersten mal ihr schottisches Schloss in Aberdeenshire betrat, notierte sie: „Alles scheint hier Freiheit und Frieden zu atmen, man vergisst die Welt und ihre traurigen Unruhen.“ Ein solcher Ort ist Balmoral Castle lange geblieben, für ihren Sohn Edward, für ihren Enkel und Urenkel, die beide George hießen, und nun, seit mehr als sechzig Jahren, für ihre Ur-Urenkelin Elisabeth. All das – und noch viel mehr – schwang mit, als die Queen am Sonntag ihren so banalen wie aufsehenerregenden Satz fallen ließ: „Ich hoffe, alle werden gründlich über Schottlands Zukunft nachdenken“.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Sie war gerade aus dem Gottesdienst gekommen, und ein paar Schaulustige warteten. Sie winkten, worauf sich Elisabeth und ihr Ehemann, Prinz Philip, freundlich näherten. Einer muss sie auf das Referendum angesprochen haben, denn am nächsten Morgen stand die königliche Antwort in den Zeitungen. Ein Appell ans „gründliche Nachdenken“, die Königin hätte sich neutraler kaum äußern können. Und doch waren die Briten einig, dass für ein „Nein“ zur Unabhängigkeit plädiert hatte. Hätte sie gesagt: „Ich hoffe, alle folgen ihrem Gefühl“, wäre das Gegenteil in ihren Worten gelesen worden – und das illustriert die vielleicht größte Hypothek dieses historischen Referendums: Die Union ist für den Kopf, die Unabhängigkeit ist für das Herz.

          Es hätte nicht so kommen müssen. Jetzt, wo eine schottische Unabhängigkeit zum Greifen nahe scheint, sprechen viele von einem „Fehler“, der in London gemacht worden ist, nicht von der Queen natürlich, sondern von ihrem Premierminister. „Wieso hat sich David Cameron nur ohne Not einen negativen Wahlkampf aufzwingen lassen?“, fragt ein Mann in Edinburgh, der zu den Beratern des schottischen Ministerpräsidenten Alex Salmond gehört. Dann verzieht er seinen Mund zu einem Grinsen: „So haben wir unsere Chance bekommen.“

          Mit bloßem Auge betrachtet ist Edinburgh am Tag vor dem Referendum mehr Ja-, als Nein-Stadt. Aus vielen Fenstern hängen die blauen Plakate des Yes-Camps. Die Ja-Leute sind die aktiveren, die euphorischeren, manchmal auch die lauteren. Am Dienstag musste Ed Miliband, der Chef der britischen Labour Party, eine Rede in einem Einkaufszentrum abbrechen, nachdem Rufe wie „Lügner!“ und „Imperialist!“ bedrohliche Ausmaße angenommen hatten. Die Gefühle schlagen hoch in diesen letzten Tagen. Doch die meisten derer, die von einem eigenen Staat träumen, tun dies nicht aus Hass auf England, sondern mit Idealismus für Schottland.

          Für Amanda Grimm steht heute Blackwood Crescent auf dem Programm, zum zweiten Mal. Vor einigen Wochen hat sie sich schon einmal durch die Mietshäuser dieser Straße geklingelt, jetzt geht es, wie sie sagt, ums „Nachfassen“. Übriggeblieben auf ihrer Liste sind die Nummern vier, fünf und sechs. Alle, die sie das erste mal besucht hat, hatten sich auf einer Skala von eins bis zehn verortet. Eins, das waren die, die auf jeden Fall „no“ wählen, zehn die, die ohne wenn und aber für „yes“ stimmen. Vier, fünf, sechs, das waren die in der Mitte, die, die sich noch gewinnen lassen, die wertvollen Unentschiedenen.

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