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Abstimmung am Donnerstag : Investoren zittern vor dem Schottland-Referendum

„Zehn Jahre Ungewissheit“ fürchtet Londons Finanzdistrikt, wenn die Schotten für die Unabhängigkeit stimmen. Bild: Reuters

Am Londoner Finanzmarkt hat das bange Warten auf die Entscheidung über die schottische Unabhängigkeit begonnen. Schon jetzt ziehen Anleger ihr Geld aus Großbritannien ab. Gewinnen die Separatisten, droht in London eine Regierungskrise.

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          Die lange Nacht des Wartens beginnt am Donnerstagabend: Um 22 Uhr Ortszeit, also abends um elf in Deutschland, schließen in Schottland die Wahllokale. Voraussichtlich bis gegen sechs Uhr am Freitagmorgen werden die Stimmen in allen Wahlkreisen ausgezählt sein. Dann steht fest, ob das kleine Schottland in seinem historischen Volksentscheid tatsächlich für die Abspaltung von Großbritannien und die Gründung eines eigenen Nationalstaats gestimmt hat. Der Freitag wird damit an den Finanzmärkten der Tag der Wahrheit für Schotten und Engländer: Wie werden die Anleger rund um den Globus auf das Ergebnis des in Europa bisher beispiellosen Referendums reagieren? Vor allem im Falle der Unabhängigkeit könnten sich die Ereignisse am Devisen-, Anleihe- und Aktienmarkt binnen weniger Stunden überschlagen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nie zuvor in der Wirtschaftsgeschichte sei ein Nationalstaat mit einem so großen und komplexen Bankensektor wie Großbritannien aufgeteilt worden, geben die Analysten der Deutschen Bank zu bedenken. Die Gütertrennung im Scheidungsverfahren zwischen Schotten und Rest-Briten würde voraussichtlich sehr lange dauern: „Zehn Jahre Ungewissheit“, sagt Michael Rake, der Präsident des führenden britischen Unternehmensverbands CBI, nach der Abspaltung Schottlands voraus.

          Lange haben die Finanzmärkte das Thema weitgehend ignoriert – und damit offenkundig unterschätzt. Aber seit Umfragen darauf hindeuteten, dass die Separatisten die Wahl gewinnen könnten, sind die Anleger aufgewacht und reagieren auf das politische Risiko im Vereinigten Königreich: In den vergangenen vier Wochen hat das britische Pfund gegenüber dem Dollar knapp 4 Prozent an Wert eingebüßt. Der Wechselkurs zum Euro blieb dagegen weitgehend stabil, weil auch die europäische Währung abgewertet hat.

          Knapper Wahlausgang erwartet

          Nach einer Schätzung des Londoner Analysehauses Crossborder Capital sind im August Investorengelder von netto 27 Milliarden Dollar aus dem Vereinigten Königreich abgeflossen – die größte Summe seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vor sechs Jahren. Der Vermögensberater deVere beobachtet bei seinen Kunden eine „Flucht aus dem Sterling“. An der Londoner Aktienbörse ist dagegen bisher von einem Ausverkauf auf breiter Front nichts zu spüren: Der Leitindex FTSE 100 der hundert wichtigsten Aktiengesellschaften ist in den vergangenen zwei Wochen nur um rund 0,5 Prozent gesunken.

          Die weitere Entwicklung hängt entscheidend vom Ausgang des Referendums ab – und der ist, den Demoskopen zufolge, weiterhin völlig offen. Sollten die Schotten mehrheitlich gegen die Abspaltung stimmen, würde das von den Finanzmärkten als eine gute Nachricht angesehen: Analysten rechnen dann mit einer raschen Erholung des Pfund-Kurses zum Dollar. Ganz vom Tisch wäre das Thema für viele Anleger allerdings auch dann nicht, glauben Bankenvolkswirte: Falls es tatsächlich zu dem erwarteten knappen Wahlausgang kommen sollte, könnte schon in den kommenden Jahren eine Wiederholung des Volksentscheids anstehen – mit abermals ungewissem Ausgang. Dieses Risiko würden Anleger in Zukunft wohl berücksichtigen, bevor sie Geld im britischen Währungsraum investieren.

          Sehr viel dramatischer wird die Reaktion des Finanzmarkts wohl sein, falls die schottischen Separatisten das Rennen machen sollten. In London drohte dann wohl eine Regierungskrise, Anleger und Bankkunden würden wegen der ungeklärten Währungsfrage voraussichtlich in großem Stil ihr Geld aus Schottland abziehen. Die britische Regierung hat schon angekündigt, ein unabhängiges Schottland dürfe das Pfund nicht weiter verwenden. Die Schotten wollen dagegen genau das tun und weisen die Drohung als Angstmacherei zurück. Die Analysten der Großbank UBS halten es für wahrscheinlich, dass Schottland Kapitalverkehrskontrollen einführen würde, um die Kapitalflucht aus Großbritanniens Norden einzudämmen. Weil allerdings viele Anleger wohl versuchen würden, dem zuvorzukommen, könnte sich der Geldabfluss vorab sogar noch beschleunigen.

          Shell und BP fürchten Austritt nicht

          Am Aktienmarkt werden im Fall der Unabhängigkeit wohl vor allem einige große Finanzwerte unter Druck geraten: Die Royal Bank of Scotland (RBS) und Lloyds Banking Group, aber auch der Versicherer Standard Life und der Vermögensverwalter Aberdeen Asset Management haben ihre Hauptsitze in Schottland. Möglicherweise wäre die britische Notenbank gezwungen, eine Garantieerklärung für die RBS und Lloyds abzugeben, die beiden systemrelevanten Großbanken im Notfall weiter zu stützen („lender of last ressort“).

          Lloyds und RBS wären auch am anfälligsten gegenüber einer Wirtschaftskrise in Schottland, mit der manche Volkswirte nach der Unabhängigkeit rechnen. Nach Berechnung der amerikanischen Investmentbank JP Morgan haben beide Großbanken rund ein Zehntel ihrer ausstehenden Kredite in Schottland vergeben. Bei den Londoner Wettbewerbern HSBC und Barclays liege der Schottland-Anteil dagegen unter einem Prozent. Dennoch dürfte wohl auch der Barclays-Aktienkurs kaum ungeschoren davonkommen, warnen die Bankenexperten: Viele politische Beobachter erwarten, dass im Falle der schottischen Unabhängigkeit auch ein Ausstieg von Rest-Großbritannien aus der Europäischen Union wahrscheinlicher wird. Für das europäische Kapitalmarktgeschäft von Barclays wäre das ein schwerer Schlag. Die Regierung in London hat für das Jahr 2017 einen Volksentscheid über den „Brexit“ angekündigt.

          Für die beiden größten britischen Ölkonzerne Shell und BP wären die Risiken im Fall der Abspaltung Schottlands dagegen wohl eher gering: Zwar würde die Unabhängigkeit auch für die Nordsee-Ölförderung wichtige Fragen aufwerfen, weil unklar ist, wie die Branche in Zukunft besteuert würde. Aber bei BP liegt der Anteil der schottischen Öl- und Gasförderung an der Gesamtfördermenge nach Berechnung der amerikanischen Großbank Citigroup nur bei 3 Prozent, bei Shell ist der Anteil noch niedriger. Bei der BG Group, dem drittgrößten britischen Ölkonzern, machen die Quellen vor Schottlands Küste dagegen rund 14 Prozent aus – kein anderer großer europäischer Energiekonzern ist so stark vom schottischen Öl und Gas abhängig.

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