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Rede in Berlin : „Unser Land braucht Einwanderung“

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Für Ein neues deutsches „Wir“: Bundespräsident Gauck Bild: dpa

Bundespräsident Gauck hat die Deutschen aufgerufen, die Chancen der Einwanderung zu nutzen. Die doppelte Staatsangehörigkeit sei dafür ein Meilenstein gewesen.

          Bundespräsident Joachim Gauck hat sich für Einwanderung in die Bundesrepublik ausgesprochen, die damit verbundenen Chancen zu nutzen und Schwierigkeiten zugleich offen zu diskutieren. „Probleme dürfen nicht verschwiegen werden, weil die falsche Seite applaudieren könnte“, sagte Gauck am Donnerstag bei einer Feier zur Einbürgerung von 23 neuen Bundesbürgern aus mehr als einem Dutzend Herkunftsländer. Im Schloss Bellevue überreichte er ihnen die Einbürgerungsurkunde sowie eine Ausgabe des Grundgesetzes. Er sagte den Eingebürgerten: „Sie alle sind nun in Deutschland zu Hause. Das erfüllt mich mit Dank und Freude.“ Wer Deutscher sei, werde künftig noch viel weniger als bisher am Namen oder am Äußeren zu erkennen sein, äußerte er laut vorab veröffentlichtem Redemanuskript.

          „Unser Land braucht Einwanderung“, sagte Gauck. Dabei sei auch klar, dass nicht jeder aufgenommen werden könne, der kommen möchte. „Wir haben begonnen, Einwanderung aktiv zu steuern und klare gesetzliche Voraussetzungen für Zuwanderer zu schaffen. Und für jene, die bereits hier leben, sind Wege zu finden, wie sie ihre Potentiale tatsächlich entwickeln und einbringen können.“

          Als „größten Schritt“ nannte Gauck dazu die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 1999. Insbesondere die doppelte Staatsangehörigkeit lobte der Bundespräsident. „Inzwischen wächst auch die Gelassenheit, doppelte Staatsbürgerschaften als selbstverständlich hinzunehmen.“ Sie sei Ausdruck der „Lebenswirklichkeit einer wachsenden Zahl von Menschen. Es ist gut, dass sie nun nicht mehr als notwendiges Übel oder als Privileg bestimmter Gruppen betrachtet wird.“ Deutschland lerne gerade, „dass Menschen sich mit verschiedenen Ländern verbunden und trotzdem in diesem, unserem Land zu Hause fühlen können. Es lernt, dass eine Gesellschaft attraktiver wird, wenn sie vielschichtige Identitäten akzeptiert und niemanden zu einem lebensfremden Purismus zwingt.“

          Gauck forderte Gelassenheit in Debatten über Einwanderung: „Hören wir auf, von „wir“ und „denen“ zu reden“, äußerte der Bundespräsident. Für die kommenden Generationen werde Deutschland nie anders gewesen sein als vielfältig. Gauck betonte die Veränderungen, die Einwanderung für Deutschland bringe. „Wo Verschiedenheit heimisch wird, ändert sich das Zusammenleben.“ Doch müsse niemandem „bange sein um das, was unser Land geprägt hat und es noch heute ausmacht. Wer seine eigenen kulturellen Werte gering schätzt, wird kaum von Anderen Respekt dafür erhalten.“

          Da jeder fünfte Bundesbürger inzwischen familiäre Wurzeln im Ausland habe, sei es skurril, „wenn manche der Vorstellung anhängen, es könne so etwas geben wie ein homogenes, abgeschlossenes, gewissermaßen einfarbiges Deutschland“. Gauck forderte „Alt-Deutsche wie Neu-Deutsche“ auf, sich mit einer toleranten Haltung zu begegnen - „als Gleiche und doch Verschiedene“. Die mit der Einwanderung verbundene Vielfalt solle nicht gefürchtet, sondern zukunftsorientiert bejaht werden.

          „Jedes dieser Kinder ist unser Kind“

          Es gebe ein neues deutsches „Wir“, die Einheit der Verschiedenen. Und dazu gehören Sie genauso selbstverständlich wie ich.“ Gauck nannte Ghettobildung und Jugendkriminalität, Antisemitismus, patriarchalische Weltbilder und Homophobie, Sozialhilfekarrieren und Schulschwänzer. Er forderte dazu auf, Kinder von Migranten stärker zu fördern, wenn die Eltern dies nicht täten. „Wir müssen um jedes dieser Kinder kämpfen. Denn es sind unsere Kinder“, sagte Gauck. Sie wüchsen in dieser Gesellschaft auf, gingen hier in Kindergärten und Schulen.“

          Gauck äußerte, dass Migration in der deutschen Geschichte nicht fremd sei - „die Kowalskis und de Maizières gehören heute so selbstverständlich zu uns, dass wir uns kaum mehr erinnern, wie sie heimisch wurden“. Gleichzeitig sagte der Bundespräsident, dass auch Probleme nicht verschwiegen werden dürften, nur „weil die falsche Seite applaudieren könnte“. Eine Einwanderungsgesellschaft sei immer auch eine Aushandlungsgesellschaft. Dabei gehe es auch um die Frage, welche Veränderungen unsere Gesellschaft akzeptiere.

          Die Feierstunde war Teil der Veranstaltungen zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes, das am 24. Mai 1949 in Kraft trat.

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