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Rechtsextremismus in Russland : Von Feinden umgeben

  • -Aktualisiert am

Moskau am „Tag der Volkseinheit“ Bild: dpa

In Moskau sind Tausende Rechtsextreme aufmarschiert, die meisten sind junge Leute ohne Perspektive. Der Oppositionelle Aleksej Nawalnyj blieb diesmal fern – hat aber zur Teilnahme aufgerufen.

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          Ein älterer Mann hat die Begründung, warum er zum jährlichen Treffen der Rechtsextremen in Moskau gekommen ist, gleich auf die Holztafel gepinselt, die er mitgebracht hat. „Russland und die Russen sind an den Grenzen und im Inneren nur von Feinden umgeben. Vereinigt euch, kämpft, habt keine Angst. Dann wird der Sieg uns gehören – und wenn wir alle dabei drauf gehen!“ Diese Tafel hält er hoch und läuft – damit ihn alle gut sehen können – vor den Marschkolonnen der meistens schwarz gekleideten und manchmal vermummten Leute zum Platz beim Denkmal für die „Soldaten des Vaterlands“.

          Dort soll am so genannten „Tag der Volkseinheit“ der „Russische Marsch“ mit Ansprachen von Anführern der russischen Nationalisten wie Dmitrij Djemuschkin oder Aleksandr Bjelow gewürdigt werden, bevor die berüchtigte Rockgruppe „Sonnenrad“ aufspielen darf. Die ist bei russischen Rechtsextremen der jungen Generation besonders beliebt, hat aber versprochen, ihren Song „Ruhm für Russland“ diesmal wegzulassen. Denn es würde nicht so recht zu den Bemühungen der zivilisierten Nationalisten passen, wenn die Band von der Bühne brüllen würde, dass die „Rus für immer von Juden befreit“ werden müsse oder dass man „Hitler nicht verurteilen“ dürfe, weil er „die Juden zur Hölle geschickt“ habe. Man will sich schließlich als normale politische Kraft darstellen.

          „Russland den Russen!“

          In der Tat sind diesmal weniger zum Hitlergruß ausgestreckte Hände von Halbwüchsigen zu sehen oder „Sieg-Heil“-Rufe zu hören als in früheren Jahren des Marsches, und die Vermummten sind für die Anführer der genehmigten Demonstration nur Provokateure. Sie selbst haben schon vorher gefordert, dass für die muslimischen Gastarbeiter aus den Republiken Zentralasiens eine Visumpflicht eingeführt wird. Die zweite zentrale Forderung –„Hört auf, den Kaukasus zu füttern!“ – meint die Moskauer Subventionen für die verarmten Republiken des russischen Nordkaukasus. Aus den Ansprachen wird dann aber nichts. Die Schlusskundgebung wird abgesagt, weil der scheußlich kalte Novemberregen selbst die Glieder von hart gesottenen Nationalisten gefrieren lässt.

          Etwa 8000 Leute, die Russland unbedingt von der Fremdherrschaft einer „unrussischen Regierung“ und Emigranten aus Zentralasien oder vom Zustrom aus dem muslimischen Nordkaukasus erlösen wollten, die eine eigene ethnisch-russische Republik innerhalb der russländischen Föderation gefordert haben, trotten zu einer der nahe liegenden Metrostationen. Die großen schwarzen Flaggen mit Christus-Ikonen, von denen einige merkwürdige rote Kreuzen an den Ecken haben, die verschämte Hakenkreuze darstellen könnten, werden eingerollt.

          Zwei junge Frauen im Zug grinsen verlegen auf die Frage, warum sie zu dem Aufmarsch gegangen sind. „Russland den Russen!“ Das müsse man durchsetzen, sagt die eine dann, die Juristin werden will. Die andere, die „irgendwas mit Computern“ studieren möchte, sagt schließlich: „Ich prügle mich gern für Russen“: Dazu zeigt sie kampfgehärtete, vergrößerte Knöchel an der rechten Faust. Immer wenn es in Moskau zu Schlägereien mit Kaukasiern komme, sei sie mittendrin. Sie sei zwar Ukrainerin, aber die Slawen müssten zusammenhalten.

          Zumindest die aus dem Osten, die Ostslawen, ließe sich hinzufügen. Der Feiertag der „Volkseinheit“ wurde im neuen Russland 2005 eingeführt, um an das Volksaufgebot zu erinnern, das vor vierhundert Jahren (1612) die – westslawischen – Polen aus dem Kreml und Moskau vertrieb. Den russischen Erfindern schwebte jedoch kaum als wichtigstes Ziel vor, Polen als geschlagene Eroberer zu demütigen. Es ging darum, den kommunistisch-sowjetischen Feiertag vom 7. November, den Tag des Gedenkens an den bolschewistischen Umsturz von 1917, im Volksbewusstsein durch etwas Neues zu ersetzen. Aber während die Mehrheit der Russen mit dem neuen Feiertag noch immer nichts anzufangen weiß, haben die Nationalisten ihn mit Erfolg für sich eingenommen. Es ist der Tag, an dem russische Märsche stattfinden.

          Das politische Potential nutzen

          In der Innenstadt dürfen die Nationalisten zwar nicht mehr demonstrieren, können aber wie am Montag in einem südöstlichen Außenbezirk Moskaus, in Lublino, einmal im Jahr unter schwarz-gelb-weißen Zaren-Fahnen ungestört vom Leder ziehen. Da tummeln sich „Faschos“ und „Nationalisten“ oder „nationale Sozialisten“ – darunter immer mehr Jugendliche – und viele, die sonst nichts zu melden, keinen Erfolg haben und glauben, dass sich das ändern würde, wenn „Russland den ethnischen Russen“ allein gehörte.

          Der Anwalt Aleksej Nawalnyj – Russlands bekanntester Oppositioneller – war jahrelang ein überaus kontroverser Held dieser „russischen Märsche“. Nawalnyj hatte seit 2005 selbst immer wieder teilgenommen, die Aufmärsche bisweilen mitorganisiert. Er vertritt die These, dass einige Forderungen der gemäßigten Nationalisten berechtigt seien und dass die Liberalen falsch handelten, wenn sie auf Distanz blieben. Denn die Nationalisten verfügten über ein großes politisches Potential, das man im Kampf gegen das System nutzen müsse.

          Dieses Mal ist Nawalnyj allerdings nicht gekommen. Er wolle der „Kremljournaille“ keinen Grund geben, ihn im Fernsehen als Verbündeten von „Faschisten“ abzustempeln, hieß es. Die Idee des Marsches bleibe aber richtig, deshalb sollten seine Anhänger teilnehmen, ließ Nawalnyj wissen. Andere bekannte Persönlichkeiten aus dem Protestlager, die Schriftsteller Boris Akunin und Dmitrij Bykow sowie Boris Njemzow und Wladimir Ryschkow von der liberalen Partei Parnass kritisierten ihn scharf für diese Aufforderung. Akunin schrieb in seinem Blog, nun sei klar, dass Nawalnyj die nationalistische Kinderkrankheit nicht überwunden habe. Deshalb tauge er nicht zum Anführer einer breiten demokratischen Front. Bykow, der früher davon gesprochen hatte, beide Seiten müssten sich im Interesse des Kampfes gegen das Putin-System, „aushalten“ wie alte Eheleute, sagte nun, ein Bündnis mit den Nationalisten habe keine Perspektive.

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