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Rechtsextremer Terrorismus : Die Opfer des Hasses

Eine Mahnwache gegen rechtsextreme Gewalt Ende November in Zwickau Bild: Lüdecke, Matthias

Die Rechtsterroristen der Zwickauer Zelle zogen durch Deutschland und mordeten. Die Angehörigen der Toten wurden bislang mit ihrer Trauer alleingelassen - oder gar verdächtigt.

          6 Min.

          Die rechtsextremen Terroristen der Zwickauer Zelle haben mindestens zehn Menschen ermordet und wenigstens weitere 25 zum Teil schwer verletzt. Bei ihren Verbrechen gingen sie geplant, grausam und kaltblütig vor. Ihre Opfer wurden mit Splitterbomben entstellt, durch gezielte Schüsse ins Gesicht getötet. Die Mörder sahen ihnen beim Sterben zu, sie fotografierten ihre blutüberströmten Opfer, sie plünderten Tote und Schwerverletzte aus. Am Ende hinterließen sie Bild- und Tonaufnahmen, auf denen sie ihre Opfer grausam verhöhnten und sich ihrer Taten bekannten.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Wenn an diesem Donnerstag zu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremer Gewalt Überlebende und Hinterbliebene anreisen, dann ist das für die meisten einer der schwersten Wege ihres Lebens. Nicht alle haben die Kraft dazu gefunden. Andere, wie die Tochter von Enver Simsek, sind stark genug, nach der Bundeskanzlerin für die Hinterbliebenen zu sprechen. Viele von ihnen fühlen sich nicht nur als Opfer der Mörder, sondern sie waren mehrfach auch zu Unrecht belastete Angehörige, denen Staatsanwaltschaften und Polizeien teilweise jahrelang mit falschen Verdächtigungen nachgestellt haben.

          Vater des Drogenhandels verdächtigt, Mutter festgenommen

          Das erste Opfer des Mörderbande, der 38 Jahre alte Enver Simsek, verkauft am Morgen des 9. September 2000 an einer Nürnberger Ausfallstraße Blumen. Der Großhändler, der seit 1986 in Deutschland lebt, ist an jenem Samstag für einen seiner Verkäufer eingesprungen. Die Täter schießen achtmal aus Pistolen auf ihn. Eine der Waffen ist eine tschechische Ceska 83. Sie stammt aus der Schweiz und wird später immer wieder verwendet werden. Zu den Besonderheiten der Waffe gehört, dass sie mit einem Schalldämpfer verwendet wird. Simsek erliegt zwei Tage später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Die Familie wird danach nicht unterstützt, sondern verdächtigt. Der Vater soll mit Drogen zu tun gehabt haben, als Blumengroßhändler war er oft in Amsterdam. Die Staatsanwaltschaft lässt Geschäftspapiere beschlagnahmen, Familienalben durchsuchen, Spürhunde kommen zum Einsatz. Die Mutter wird als Tatverdächtige vernommen.

          Vier Monate später, am 19. Januar 2001, wird bei einer Explosion in einem Lebensmittel- und Getränkeladen ihrer Eltern in der Kölner Innenstadt die 19 Jahre alte Deutsch-Iranerin Masliya M. schwer verletzt. In dem Geschäft in der Probsteigasse hatte zuvor ein Mann eine rotlackierte Blechdose hinterlassen, die eine Sprengfalle enthielt. Ein rechtsextremer Hintergrund wird damals von der Polizei nicht ausgeschlossen, die Tat aber erst nach Aufdeckung der Zwickauer Zelle den Neonazis zugeordnet.

          Im Blut des Mannes zurückgelassen

          Am 13. Juni 2001 wird in Nürnberg in einer kleinen Schneiderei Abdurrahim Özüdogru getötet. Die beiden Mörder schießen dem 49 Jahre alten studierten Ingenieur aus der Türkei in den Kopf und fotografieren den tödlich Verletzten. Als eine der beiden Tatwaffen wird die Ceska 83 identifiziert. Die Polizei untersucht den Tatort und lässt dann die Witwe alleine im Blut ihres Mannes zurück. Tatortsäuberung ist, rechtlich betrachtet, Sache der Hinterbliebenen. Die Mordkommission vermittelt zuweilen spezielle Reinigungsfirmen. Familie Özüdogru bekommt das nicht gesagt. Dafür aber wird auch sie genötigt, Speichelproben abzugeben und gerät selbst in Tatverdacht. Erst elf Jahre später nehmen sie einen Anwalt. Dem aber werden die Altakten bis heute nicht gezeigt.

          Generalbundesanwalt Range hat Anfang der Woche angekündigt, er werde „mit Vertretern der Opfer sprechen, auch darüber, wie sie ihre Rechte wahrnehmen können“. Um ein solches Gespräch hatten Opferanwälte nach ihrer Darstellung bereits vor längerer Zeit bei der Bundesanwaltschaft nachgesucht. Man habe sie nicht einmal einer Antwort gewürdigt, sagt der Anwalt einer Hinterbliebenen. Dass im Herbst eine Hauptverhandlung beginnen solle, für die sie sich bereits als Nebenkläger vorgemerkt haben, habe man ebenfalls der Presse entnommen.

          Porträtfotos der acht Mordopfer Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü und Habil Kilic (oben, von links), sowie Yunus Turgut, Ismail Yasar, Theodorus Boulgarides und Mehmet Kubasik (unten, von links). Bilderstrecke

          Vierzehn Tage nach dem Mord in der Nürnberger Schneiderei wird am 27. Juni 2001 die Ceska wieder benutzt, diesmal in Hamburg-Bahrenfeld bei der Ermordung von Süleyman Tasköprü. Der 31 Jahre alte Türke war an jenem Tag im Geschäft seines Vaters gewesen. Ein Streifenpolizist hatte den Vater gebeten, seinen Wagen aus dem Parkverbot vor dem Laden wegzufahren. Das tat Ali Tasköprü. Als er in seinen Laden zurückkehrte, fand er seinen sterbenden Sohn in einer Blutlache. Die Mordkommission nahm den Vater mit auf die Wache, der Sohn wurde verdächtigt, so erzählte Tasköprü später dem „Spiegel“, in „kriminelle Machenschaften“ verwickelt gewesen zu sein. „Erst den Sohn verloren, jetzt auch noch die Ehre der Familie beschmutzt.“

          Blumenhändler-Mafia, Gemüsehändler-Mafia, Türken-Mafia

          Wegen der Ceska 83 geht die Polizei nun von einer Verbrechensserie aus, verdächtigt türkische Verbrecherkreise. Blumenhändler-Mafia, Gemüsehändler-Mafia, Türken-Mafia. Nach Rechtsextremisten wird nicht gezielt gesucht. Es habe ja damals und später keine Bekennerschreiben gegeben, heißt es bis heute zur Erklärung. Mit einem Phantombild wird nach einem Mann „vermutlich Türke/Südländer“ gesucht, mit „tiefliegenden Augen“ und „buschigen Augenbrauen“.

          Die Serie geht weiter, bereits am 29. August 2001 wird in München-Ramersdorf der 38 Jahre alte Habil Kilic gegen elf Uhr in seinem Gemüseladen in der Bad Schachener Straße ermordet. Kilic hinterlässt eine Frau und ein kleines Kind. In der Münchner Zeitung „tz“ steht tags darauf, dass Profiler einen „Durchschnittsmenschen“ hinter der Tat vermuten. „Vermutlich hat er einen Job, eine Familie, Nachbarn, Hobbys“, werden die Polizei-Profiler zitiert. Die Mörder wohnten zu dieser Zeit unbehelligt mit Katzen und Sporträdern in der Zwickauer Polenzstraße 2.

          Der 25 Jahre alte Türke Yunus Turgut wird am 25. Februar 2004 an einem Dönerstand in Rostock erschossen. Es ist kurz nach zehn Uhr, als die Täter den Mann töten, der dort nur zufällig tätig ist. Er ist ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland. Die Mörder können den Ort, den „Mr. Kebap Grill“, bestimmt haben, nicht aber ihr Opfer.

          Im Juni desselben Jahres explodiert in der Kölner Keupstraße eine Bombe vor einem Friseurgeschäft. 22 Menschen werden verletzt, viele durch Splitter. Wieder sind es die Opfer, die verdächtigt werden. Auf den Tag genau ein Jahr später stirbt am Morgen des 9. Juni 2005 gegen zehn Uhr in Nürnberg der 50 Jahre alte Ismail Yazar in seinem Imbiss in der Scharrerstraße. Zwei Tage später schreibt die „Nürnberger Zeitung“, die „Soko Halbmond“ ermittle in dem Fall. Es ist der sechste Mord, bei dem dieselbe Waffe verwendet wird. Nach dem dritten Mord des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ alleine in der ehemaligen Stadt der NSDAP-Reichsparteitage werden die Ermittler nach nur wenigen Tagen an einen neuen Tatort gerufen.

          In München wird sechs Tage später der 41 Jahre alte Theodoros Boulgarides ermordet. Er arbeitet bei einem Schlüsseldienst. Das Geschäft in der Trappentreustraße 4 liegt ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Boulgarides war seit seiner Kindheit in Deutschland und hinterlässt zwei Töchter. Die Polizei sagte der „Süddeutschen Zeitung“ ein paar Tage später, es gehe um „einen Kampf im Drogenmilieu“. Schutzgelderpressung oder Geldwäsche. Eine Spur führe in die Niederlande. Das war ein Hinweis auf den ersten Mord an dem Blumenhändler Simsek, der öfters in Amsterdam gewesen war. Fünf Jahre nach seinem Tod wird er weiter als mutmaßlicher Krimineller verdächtigt.

          „Gutes Objekt und geeigneter Inhaber“

          Der 39 Jahre alte Mehmet Kubasik wird am 4. April 2006 in seinem Dortmunder Kiosk in der Mallinckrodtstraße mehrmals in den Kopf geschossen. Die Täter hatten etliche potentielle Ziele in Dortmund aufgezeichnet und ausgekundschaftet, unter anderem türkische Geschäfte. „Gutes Objekt und geeigneter Inhaber“ steht nach Ermittlungsberichten in Beobachtungslisten, welche die Täter in ihrer Zwickauer Wohnung anfertigten. An anderer Stelle heißt es: „Personal ist nicht optimal, vorher noch mal prüfen.“ Wen es dann tatsächlich traf, blieb Zufall. Auch im Falle des Dortmunders Kubasik wird die Familie nach der Tat ausführlich vernommen, muss Fingerabdrücke und Speichelproben abgeben. Die Familie ist nach Zeitungsberichten aus Deutschland in die Türkei ausgewandert, dorthin, wo der Vater auch begraben liegt.

          Der darauf folgende Mord an Halit Yozgat hat den hessischen Verfassungsschutz in ein schiefes Licht gerückt. Denn als der Geschäftsmann am Morgen des 6. April 2006 in Kassel mit zwei Kopfschüssen getötet wird, befindet sich angeblich zufällig ein Mitarbeiter des hessischen Landesamtes am Tatort, dem Internetcafé von Yozgat. Der Verfassungsschützer Andreas T. surfte dort auf Kontakt- und Pornoseiten, angeblich privat. Nach der Tat in der Holländischen Straße haut er ab. Anhand der Verbindungsdaten findet die Polizei den Mann, den man seiner angeblichen Gesinnung wegen mancherorts „Kleiner Adolf“ nennt.

          Nach Mord folgt Bankraub

          Am 5. Oktober 2006 ist das Opfer der Bande kein Ausländer oder Einwanderer. Die drei Neonazis brauchen Geld. Im Sommer war man gemeinsam zum Urlaub an der Ostsee. Der letzte erfolgreiche Bankraub liegt fast zwei Jahre zurück, das Geld scheint aufgebraucht. Die Täter versuchen es gleich in der Nähe ihres Wohnortes zu holen, bei einer Zwickauer Sparkassenfiliale. Der Überfall misslingt. Es kommt zu einem Gerangel mit einem 18 Jahre alten Auszubildenden, ein Schuss trifft ihn in den Bauch. Er überlebt schwerverletzt. Die Täter flüchten. Es folgen zwei Überfälle in Stralsund im November 2006 und Januar 2007, bei denen insgesamt 280.000 Euro erbeutet werden: Geld für die kommenden Jahre.

          Am 25. April 2007 treffen die Neonazis auf einem Heilbronner Parkplatz auf Michèle Kiesewetter. Die junge Polizistin ist unterwegs mit ihrem Kollegen Martin A. Kiesewetter hat den Dienst kurzfristig übernommen. Sie wird durch gezielte Kopfschüsse getötet, Martin A. überlebt schwerverletzt. Die Täter nehmen den beiden die Pistolen, Magazine und weitere Ausrüstungsteile ab. Wieder tappt die Polizei im Dunkeln.

          Als am 4. November 2011 in einem brennenden Wohnmobil in Eisenach die Leichen der beiden mutmaßlichen Serienmörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gefunden werden, haben sie die Polizei-Pistolen bei sich. In der Frühlingsstraße in Zwickau findet die Polizei kurze Zeit später die Ceska 83 mit Schalldämpfer. Das mutmaßlich dritte Mitglied der Terrorzelle sitzt in Untersuchungshaft: Beate Zschäpe schweigt zu den Vorwürfen.

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