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Rechtsextremer Terrorismus : Die Opfer des Hasses

Generalbundesanwalt Range hat Anfang der Woche angekündigt, er werde „mit Vertretern der Opfer sprechen, auch darüber, wie sie ihre Rechte wahrnehmen können“. Um ein solches Gespräch hatten Opferanwälte nach ihrer Darstellung bereits vor längerer Zeit bei der Bundesanwaltschaft nachgesucht. Man habe sie nicht einmal einer Antwort gewürdigt, sagt der Anwalt einer Hinterbliebenen. Dass im Herbst eine Hauptverhandlung beginnen solle, für die sie sich bereits als Nebenkläger vorgemerkt haben, habe man ebenfalls der Presse entnommen.

Porträtfotos der acht Mordopfer Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü und Habil Kilic (oben, von links), sowie Yunus Turgut, Ismail Yasar, Theodorus Boulgarides und Mehmet Kubasik (unten, von links). Bilderstrecke

Vierzehn Tage nach dem Mord in der Nürnberger Schneiderei wird am 27. Juni 2001 die Ceska wieder benutzt, diesmal in Hamburg-Bahrenfeld bei der Ermordung von Süleyman Tasköprü. Der 31 Jahre alte Türke war an jenem Tag im Geschäft seines Vaters gewesen. Ein Streifenpolizist hatte den Vater gebeten, seinen Wagen aus dem Parkverbot vor dem Laden wegzufahren. Das tat Ali Tasköprü. Als er in seinen Laden zurückkehrte, fand er seinen sterbenden Sohn in einer Blutlache. Die Mordkommission nahm den Vater mit auf die Wache, der Sohn wurde verdächtigt, so erzählte Tasköprü später dem „Spiegel“, in „kriminelle Machenschaften“ verwickelt gewesen zu sein. „Erst den Sohn verloren, jetzt auch noch die Ehre der Familie beschmutzt.“

Blumenhändler-Mafia, Gemüsehändler-Mafia, Türken-Mafia

Wegen der Ceska 83 geht die Polizei nun von einer Verbrechensserie aus, verdächtigt türkische Verbrecherkreise. Blumenhändler-Mafia, Gemüsehändler-Mafia, Türken-Mafia. Nach Rechtsextremisten wird nicht gezielt gesucht. Es habe ja damals und später keine Bekennerschreiben gegeben, heißt es bis heute zur Erklärung. Mit einem Phantombild wird nach einem Mann „vermutlich Türke/Südländer“ gesucht, mit „tiefliegenden Augen“ und „buschigen Augenbrauen“.

Die Serie geht weiter, bereits am 29. August 2001 wird in München-Ramersdorf der 38 Jahre alte Habil Kilic gegen elf Uhr in seinem Gemüseladen in der Bad Schachener Straße ermordet. Kilic hinterlässt eine Frau und ein kleines Kind. In der Münchner Zeitung „tz“ steht tags darauf, dass Profiler einen „Durchschnittsmenschen“ hinter der Tat vermuten. „Vermutlich hat er einen Job, eine Familie, Nachbarn, Hobbys“, werden die Polizei-Profiler zitiert. Die Mörder wohnten zu dieser Zeit unbehelligt mit Katzen und Sporträdern in der Zwickauer Polenzstraße 2.

Der 25 Jahre alte Türke Yunus Turgut wird am 25. Februar 2004 an einem Dönerstand in Rostock erschossen. Es ist kurz nach zehn Uhr, als die Täter den Mann töten, der dort nur zufällig tätig ist. Er ist ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland. Die Mörder können den Ort, den „Mr. Kebap Grill“, bestimmt haben, nicht aber ihr Opfer.

Im Juni desselben Jahres explodiert in der Kölner Keupstraße eine Bombe vor einem Friseurgeschäft. 22 Menschen werden verletzt, viele durch Splitter. Wieder sind es die Opfer, die verdächtigt werden. Auf den Tag genau ein Jahr später stirbt am Morgen des 9. Juni 2005 gegen zehn Uhr in Nürnberg der 50 Jahre alte Ismail Yazar in seinem Imbiss in der Scharrerstraße. Zwei Tage später schreibt die „Nürnberger Zeitung“, die „Soko Halbmond“ ermittle in dem Fall. Es ist der sechste Mord, bei dem dieselbe Waffe verwendet wird. Nach dem dritten Mord des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ alleine in der ehemaligen Stadt der NSDAP-Reichsparteitage werden die Ermittler nach nur wenigen Tagen an einen neuen Tatort gerufen.

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