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Reaktoren von Fukushima-Daiichi : In Resthitze verdampfendes Kühlwasser

  • -Aktualisiert am

Dass der Boden eines Reaktors durch die bei einem Unfall entstehende Hitze zerstört wird und sich radioaktives Material in den Boden „frisst“, ist allerdings extrem unwahrscheinlich. Reaktoren sind jedenfalls mit Auffangwannen ausgerüstet, die einen möglichen „Sumpf“ zurückhalten. Womit aber keineswegs alle mit dem Sumpf verbundenen Unfallszenarien ausgeschlossen sind.

Europa bliebe praktisch unberührt

Die wichtigste Frage, die sich den Fachleuten nun stellt, ist, wie schnell und effektiv sich die Notkühlung stabilisieren lässt. Bis man der Kühlung einigermaßen trauen und zumindest erst einmal durchatmen kann, dürften ein bis zwei Wochen vergehen. Aber auch dann bleibt ein Risiko. Denn Nachzerfallswärme entsteht noch nach Jahren und Jahrzehnten. Deshalb werden auch die mit Wasser gekühlten Abklingbecken für abgebrannte Brennelemente über Jahrzehnte gekühlt. Der Reaktorkern von Harrisburg wurde vier bis fünf Jahre mit Wasser gekühlt, bis man anfing, ihn fernbedient zu zerlegen.

Wie sich die radioaktiven Partikeln in der Atmosphäre verbreiten würden, wenn es in Japan noch zu einem schweren Strahlenunglück käme, hängt von vielen Unwägbarkeiten ab. Das hat der Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986 demonstriert: Damals herrschten ungewöhnliche Ostwinde anstelle der auf der Nordhalbkugel sonst dominierenden Westwinde. Als Folge davon wurden die radioaktiven Partikeln auf unterschiedlichen Wegen nach Europa geblasen. Skandinavien und Frankreich wurden damals stärker belastet als Deutschland.

In Japan herrschen im allgemeinen wie in Europa die Westwinde vor, was einen Transport des radioaktiven Materials nach Osten auf den Pazifik bedeuten würde. Die Reichweite hinge davon ab, wie hoch und in welche Luftschichten das Material gelangte, was sich nicht absehen lässt. Es bliebe vermutlich in Höhen unter 5.000 Metern. Der größere Teil würde daher, mehr oder weniger stark verdünnt, auf den Pazifik sinken und sich dort rasch zerstreuen. Vielleicht käme ein Teil bis nach Amerika. Europa jedenfalls bliebe praktisch unberührt, von „akademisch“ geringen Mengen vielleicht abgesehen. Anders sieht die Situation für Tokio aus. Ein Umschwenken des Windes könnte die japanische Hauptstadt innerhalb von Stunden in Mitleidenschaft ziehen.

In drei Reaktoren von Fukushima 1 droht eine Kernschmelze - oder ist schon im Gang

Fukushima 1 (Daiichi) - In allen drei Reaktorblöcken, die zum Zeitpunkt des Erdbebens in Betrieb waren, sind das Kühlsystem und der Notstrom ausgefallen. Zwar hatten sich die Reaktoren automatisch abgeschaltet. Dennoch ist eine Kühlung weiter nötig. Die Folge: Nicht abgepumptes Kühlwasser verdampft unter großer Hitze, der Druck im Reaktordruckbehälter sowie im Sicherheitsbehälter („Containment“) steigt gefährlich an, und die teilweise nicht mehr von Kühlwasser umgebenen Brennelemente heizen sich ungehindert auf.


Im Reaktor 1 ereignete sich am Samstag eine Explosion. Dabei handelte es sich um die Verpuffung von Wasserstoff zwischen „Containment“ und der Außenhülle des Reaktorgebäudes. Der Wasserstoff war entstanden, weil Wasserdampf offenbar auf freiliegende Brennelemente getroffen war, eine Folge davon, dass im Reaktorinneren große Mengen Kühlwasser verdampft war. Weil dadurch der Druck im Reaktordruckbehälter gefährlich gestiegen war, musste kontaminierter Dampf abgelassen werden. Seit Samstagabend wird ein Gemisch aus Meerwasser und Borsäure zur Kühlung in den Reaktor gepumpt (Borsäure unterbricht die nukleare Kettenreaktion). Vieles deutet darauf hin, dass eine Kernschmelze eingesetzt hat. Sicher ist das nicht. Der Reaktordruckbehälter, also der Behälter mit den Brennelementen, ist nach offiziellen Angaben dennoch intakt. Sollte der Druckbehälter zerstört werden, wäre das der sogenannte Super-Gau, der auch in Reaktor 2 und 3 droht.


Im Reaktor 2 waren die Brennstäbe am Montag zeitweise ohne Wasser. Das könnte dazu geführt haben, dass eine Kernschmelze eingesetzt hat. Auch hier war versucht worden, Meerwasser-Borsäure zur Kühlung einzuleiten. Auch für diesen Reaktor geben offizielle Stellen zunächst noch an, der stählerne Reaktordruckbehälter sei intakt. Später wurde das relativiert.

Im Reaktor 3 ereignete sich am Montagmorgen eine Explosion ähnlich der in Reaktor 1. Auch hier war über Sicherheitsventile Druck aus dem Reaktordruckbehälter abgelassen worden, danach wurde Wasser und Borsäure zur Kühlung und Unterbrechung der nuklearen Kettenreaktion eingeleitet. Wie bei Reaktor 1 wurde durch die Explosion die Betonhülle des Gebäudes beschädigt, radioaktiver Dampf trat aus. Als besonders gefährlich wird das Szenario in diesem Reaktor beschrieben, weil die Brennstäbe Plutonium enthalten. Angaben über eine mögliche Kernschmelze waren widersprüchlich: Mal hieß es, sie könne schon in Gang sein, mal hieß es, das sei (noch) nicht der Fall.


Fukushima 2 (Daini) - Südlich von Fukushima 1 befinden sich die vier Reaktoren von Fukushima 2. Auch sie schalteten sich beim Erdbeben automatisch ab. Auch hier gab es anschließend Probleme im Kühlkreislauf. Bislang sei aber kein radioaktiver Dampf abgelassen worden, um den Druck zu senken, teilten die japanischen Behörden mit. In Reaktor 1 gibt es offenbar ein Leck im Kühlkreislauf.


Onagawa - Hier stehen drei Reaktoren, in einem Nebengebäude brach nach dem Erdbeben Feuer aus. Schäden an Reaktorgebäuden entstanden nicht.
- Im Reaktor 2 (der erste Reaktor wurde 1998 stillgelegt) ist eine Pumpe für das Kühlsystem am Sonntag ausgefallen. ( F.A.Z. )

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