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Massaker in Orlando : Rufe nach Liebe und schärferem Waffenrecht

  • -Aktualisiert am

In San Diego, Kalifornien, zünden Trauernde Kerzen an und legen Blumen nieder nach einem Gedenkgottesdienst für die Opfer in Orlando. Bild: AFP

Nach dem Massenmord in Orlando dominieren in der Schwulengemeinde die Aufrufe zu Solidarität und Mitgefühl. Doch es wird auch über das Waffenrecht und den Zusammenhang zwischen Islamismus und Homophobie diskutiert.

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          Trauer auf der einen, der Ruf nach Solidarität und Liebe auf der anderen Seite dominieren die Reaktionen der Schwulengemeinde in Amerika und weltweit. Der Sprecher der Gruppe der „LBGT“-Parlamentarier („Lesbian/Bisexual/Gay/Trans“) im amerikanischen Kongress, Roddy Flynn, erklärte: „Unsere Gebete und Gedanken sind bei allen, die von dieser Tragödie betroffen sind.“ Eine solche Attacke während des „Pride Month“ sei ein „perfider Schlag“ gegen die ganze Gemeinde der Schwulen und Lesben. Dass die Gemeinde ausgerechnet während dieses Monats zum Ziel wurde, breche einem das Herz, betonte auch die Sprecherin der Initiative „Equality Florida“, Hannah Willard: „Es ist unglaublich. Wir taumeln noch.“

          Auch die Solidaritätsbekundungen von Prominenten sind zahlreich. So twitterte der puertorikanische Sänger Ricky Martin: „Ich bin schwul und habe keine Angst. Liebe erobert alles.“

          Debatte über das Waffenrecht

          Doch in die Trauer mischen sich auch die ersten politischen Reaktionen und Interpretationen des Attentats. Präsident Barack Obama hatte in seiner ersten Reaktion bereits auf die Rolle des Waffenrechts hingewiesen: Das Attentat zeige, wie einfach es für jemanden sei, eine Waffe zu bekommen und damit „in einer Schule, einem Gebetshaus, einem Kino oder einem Nachtclub“ Menschen umzubringen. In den sozialen Medien ist die Debatte um das amerikanische Waffenrecht im vollen Gange, dem Hashtag #GunControlNOW schließen sich im Laufe des Tages viele an.

          Auch aus der Schwulengemeinde ist deutliche Kritik gegenüber der Waffenlobby zu vernehmen. Der amerikanische Sänger Eli Lieb appelliert auf Twitter an Waffenbesitzer: „Rette einen Menschen und lass Deine Waffe los“ und kritisiert deren mangelndes Mitgefühl: „Ich habe noch nie einen Pro-Gun-Aktivist erlebt, der sagte: 'Ich bin wirklich erschüttert von dem, was in diesem Land passiert und ich will eine Lösung finden, ohne meine Waffe abgeben zu müssen.'“ Man höre immer nur die aggressive, hasserfüllte Weigerung, Waffen abzugeben.

          Homophobie und Islamismus

          Unvermeidlicherweise hat das Attentat auch eine Debatte über die Rolle des Islams und des Islamismus in der Vergangenheit des Todesschützen Omar Mateen hervorgerufen. Wenig überraschend war es der designierte republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump, der die Aufmerksamkeit zügig auf diese Diskussion lenkte: Präsident Obama solle zurückzutreten, wenn er nicht die Worte „radikaler Islam“ erwähne.

          Viele Stimmen wehren sich gegen diese Art der Vereinnahmung. Die „Muslim Alliance for Sexual and Gender Diversity“, eine Gruppe für Muslime in der „LGBT“-Gemeinde beschreibt in einer Trauerbotschaft die schwierige Situation, in der man sich befinde: „Unsere Gedanken und Gebete sind mit den Opfern und ihren Familien. Unsere Gedanken sind auch mit der muslimischen LBGT-Gemeinde, die diese Tragödie und die Antwort darauf persönlich fühlt.“

          In den sozialen Medien weisen viele auf die Gemeinsamkeiten zwischen Homophobie und Islamophobie hin. Hass könne man nicht mit Hass bekämpfen, fordert ein Schwulenrechtsaktivist auf Twitter. Eine Userin schreibt, man müsse Homophobie in muslimischen Gemeinden genauso bekämpfen wie Islamophobie in der „LBGT“-Gemeinde.

          Gleichzeitig rufen viele dazu auf, den Zusammenhang zwischen Islamismus und Schwulenhass nicht unter den Teppich zu kehren. In Deutschland äußerte sich der religionspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, und kritisierte die bisherigen Debatte. „Es verwundert etwas, wenn in der Berichterstattung der homophobe Hintergrund der Tat als Alternative zum islamistischen oder terroristischen Hintergrund der Tat diskutiert wird“. Homophobie sei ein integraler Bestandteil des Islamismus. Aus Becks Sicht war es „sicher kein Zufall, dass in Orlando ausgerechnet ein Gay-Club Ziel des Attentats wurde“.

          Von manchen werden die Grenzen zwischen Islam und Islamismus auch bewusst verwischt. Ein User auf Twitter schreibt: „Als schwuler Mann merke ich, dass der Islam nicht mein Freund ist.“

          Die Sorgen sind größer geworden

          Den Ruf nach Furchtlosigkeit vernimmt man zwar von allen Seiten – gleichzeitig ist die Angst vor weiteren Attacken nicht kleiner geworden. Kurz nach dem Attentat von Orlando wurde in Kalifornien am Rande einer Schwulenparade ein schwer bewaffneter Mann festgenommen. Im „Pride Month“ Juni werden in ganz Amerika viele solcher Veranstaltungen abgehalten, und die Organisatoren fragen sich, ob sie die Sicherheitsvorkehrungen verschärfen sollen.

          Im San Francisco sagte der Supervisor der in zwei Wochen geplanten Parade, Scott Wiener, man werde sich darüber unterhalten müssen, stärkere Maßnahmen zu treffen. Gleichzeitig wolle man keine militarisierten Zonen, und deswegen werde ein Restrisiko bestehen bleiben. San Francisco galt für viele Schwule lange als sicherer Hafen - doch nach Orlando sind die Sorgen da.

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