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Rauchverbot : Ein langer Atem

Die wissenschaftliche Basis für ihre Nichtraucherschutzkampagne lieferte Anfang Dezember 2005 eine Studie, die zum ersten Mal konkrete Zahlen über die Gesundheitsgefahren des Passivrauchens in Deutschland lieferte. In der zunächst weithin unbeachteten Pressemitteilung Nr. 71 des Deutschen Krebsforschungszentrums vom 7. Dezember 2005 über diese Untersuchung von Medizinern und Krebsforschern der Universitätskliniken Heidelberg und Münster versteckte sich auch die einfach zu verstehende Botschaft, dass jedes Jahr 3300 Menschen in Deutschland an den Folgen des Passivrauchens sterben - durch Lungenkrebs oder Herzinfarkte.

„Die Zahl von 3300 Toten ist dann in den folgenden Wochen durch die deutsche Presse geschossen.“ Fernsehberichte über die Gesundheitsgefahren durch verqualmte Zugabteile, große Artikel im Frühsommer 2006 etwa in der Presse über die Gefahren des Rauchens und das „Ende der Toleranz“ katapultierten die früher nur auf medizinischen Fachkongressen verbreiteten Argumente und Zahlen der Tabakgegner in eine breite Öffentlichkeit.

Sanktionen in der Gastronomie

Doch als wahrer Glücksfall erwies sich im Juni 2006 der Heidelberger Bundestagsabgeordnete Lothar Binding. Der SPD-Politiker, der sich bis dahin vor allem mit Haushaltsfragen beschäftigte, war schockiert über die Ergebnisse der Passivrauch-Studie, die ihm Martina Pötschke-Langer vorgestellt hatte. Via „Bild“-Zeitung kündigte er einen fraktionsübergreifenden Gruppenantrag für Rauchverbote in der Gastronomie an. „Er sagte mir, er habe jetzt loslegen müssen, weil die Gesundheitspolitiker in seiner Fraktion zu sehr mit der Gesundheitsreform beschäftigt seien. Abgesprochen hat er diesen Antrag nicht mit mir“, beteuert Frau Pötschke-Langer.

In der Folge schlossen sich mehr als 140 Abgeordnete vor allem der SPD dem Vorstoß Bindings an. Auch einflussreiche Koalitionspolitiker wie Verbraucherschutzminister Horst Seehofer, der noch als CSU-Gesundheitsminister 1998 vehement gegen Rauchverbote in Gaststätten gewettert hatte, sprachen sich nun für Sanktionen in der Gastronomie aus.

„Kampf David gegen Goliath“

Seit die politische Debatte in Gang gekommen ist, hat Frau Pötschke-Langer viele Gespräche geführt - auch mit Bundespräsident Köhler, der Sympathie für ein Rauchverbot in Gaststätten habe erkennen lassen. Den aus verfassungsrechtlichen Gründen gescheiterten Koalitionskompromiss, der zahlreiche Ausnahmen für ein solches Rauchverbot vorsah, hat sie scharf kritisiert. „Als Politiker habe ich doch den Auftrag und die Verpflichtung, den Gesundheitsschutz der gesamten Bevölkerung zu garantieren.“

Und wenn sie nach den Zweifeln des CSU-Abgeordneten Hartmut Koschyk an der Seriosität der Passivrauchstudie gefragt wird, steht ihr der Ärger ins Gesicht geschrieben: „Das ist die komplette Ignoranz von Politikern, die sich dem Lobbyismus der Tabakindustrie ausgeliefert haben und im Zweifelsfall selbst Suchtverhalten zeigen.“

Für sie ist der Kampf gegen die jahrzehntelange erfolgreiche Einflussnahme der Zigarettenindustrie auf politische Entscheidungen ein „Kampf David gegen Goliath“. Und der kann aus ihrer Sicht nur die Tabakriesen Reemtsma oder BAT als Verlierer sehen: „Ein Rauchverbot wird auch hier kommen. Fragt sich nur wann.“

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