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RAF : Sieg oder Tod – so viel wusste man auch ohne Mikrofone

Stuttgart, 1975: Die Gefängniszelle von Gudrun Ensslin Bild: ASSOCIATED PRESS

Hat die Bundesregierung den Selbstmord der RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe wissentlich in Kauf genommen? Trotz der Freigabe weiterer Akten über die Todesnacht gibt es immer noch wenige Indizien für die Abhörthese.

          6 Min.

          Als die RAF vor gut dreißig Jahren der Bundesrepublik den Krieg erklärte, machten sich die Beamten des Bundesinnenministeriums in ihrer Verzweiflung irgendwann sogar Gedanken über die Frühstücksgewohnheiten der Staatsfeinde. Ihnen war aufgefallen, dass die Terroristen – im Gegensatz zu den wahren Vertretern der Arbeiterklasse – keine Frühaufsteher waren und sich gern erst in der „Zeit zwischen 9 Uhr und 11 Uhr“ in Cafeterien großer Kaufhäuser aufhielten. Also verabredete man ein „Frühstücksprogramm“, um bei der Fahndung auch in dieser Hinsicht nichts unversucht zu lassen. Rasterfahndungen, das Einschleusen von V-Leuten in „rote Buchläden“, Überwachung der Anwälte der Terroristen und „Lauschoperationen zur Häftlingsüberwachung“ – all dies gehörte zu den diskutierten und zum Teil praktizierten Maßnahmen, die ein Arbeitskreis der Innenministerkonferenz in sein „Konzept zur offensiven Bekämpfung des Anarchismus“ aufnehmen wollte.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Aust findet neue Indizien für seine Abhörthese

          Insofern war zu erwarten, dass mit Bernd Eichingers Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“ auch die These des früheren Spiegel-Chefredakteurs Stefan Aust wieder diskutiert wird, wonach die damalige Bundesregierung die RAF-Häftlingszellen im siebten Stock des Gefängnisses in Stuttgart-Stammheim abhören ließ. Wenn dem so wäre, hätte sie – als Ohrenzeugin – den kollektiven Selbstmord von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe am 18. Oktober 1977 möglicherweise billigend in Kauf genommen. Aust ist hiervon seit Jahren überzeugt. Dieter Löw, ein Beamter des baden-württembergischen Landeskriminalamtes, habe in seinem Einsatzkalender für den besagten Tag das Wort „Sondermaßnahme“ vermerkt, damit könne nur die Abhöraktion gemeint gewesen sein. Das Problem ist aber: Der Beamte Löw schweigt zu dieser Interpretation.

          In diesem Jahr wurde Aust im Staatsarchiv in Ludwigsburg die Handakte des damaligen Präsidenten des baden-württembergischen Landeskriminalamtes Kuno Bux zur Einsicht gegeben. Außerdem legte man ihm einige zuvor als geheim eingestufte Akten des Innenministeriums und des Hochbauamtes vor. Darin finden sich zwei Dokumente, die nach Austs Auffassung weitere Indizien für seine These sind: Auf einem Grundriss des siebten Stocks mit den Gefängniszellen der Terroristen sind beim Materialraum 774 und beim Gruppenraum 803 die Versorgungsschächte mit zwei roten Kringeln markiert.

          Warum nur zwei Mikrofone?

          „Schacht verläuft entlang Innenwand durch alle Zellen, hier Höhe 2,32 und 1 M Breite“, ist handschriftlich auf die Skizze geschrieben worden. Drei Wohnzellen sind mit schwarzen Kreuzen markiert. Außerdem findet sich in Bux’ Handakte eine Rechnung des Stuttgarter Elektrohändlers „Phonak“, bei dem ein Kriminaloberrat im Oktober 1975 zwei Mikrofone zum Stückpreis von je 36 Mark bestellt hatte. Exakt ist auch das Lieferdatum vermerkt. Doch helfen diese interpretierbaren Indizien, die These vom staatlich geduldeten Kollektivselbstmord zu stützen?

          In den Akten fehlt jeder Hinweis, zu welchem Zweck die Mikrofone bestellt wurden. Handelte es sich überhaupt um Mikrofone, die zum Abhören geeignet waren? War es vielleicht nur eine Ersatzbeschaffung? Warum bestellte das LKA nur zwei Mikrofone? Für Ensslin, Raspe, Baader und Irmgard Möller, die ihren Selbstmordversuch schwer verletzt überlebte, hätten es ja mindestens vier Mikrofone sein müssen. Rechnet man die eingekringelten Räume hinzu, vielleicht sechs. Einiges spricht dafür, dass die Mikrofone bestellt wurden, um die Abhörqualität in den Besucherzellen zu verbessern. In Bux’ Handakte findet sich passend zum Liefertermin der Mikrofone in einem Vermerk des LKA vom 21. März 1977 folgende Feststellung: „Nach Vorgesprächen mit dem BND – zuletzt mit einem Techniker in Stuttgart am 21.10.1975 – wurde auf Ersuchen des LKA-BW die Abhöranlage in der JVA Stuttgart-Stammheim am 24. Januar 1976 durch den BND verbessert.“ Jedenfalls finden sich in den Akten keine direkten Anhaltspunkte für einen Einbau von Abhöranlagen in den Häftlingszellen.

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