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RAF : Schuld und Schweigen

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Der Fall Verena Becker zeigt: Selbst bei den RAF-Morden, die geklärt scheinen, wissen wir längst nicht alles. Die Kriminaltechnik führt nur teilweise zum Ziel. Helfen könnten die Aussagen einstiger Terroristen. Doch die meisten schweigen. Vor sich selbst zuzugeben, dass man gescheitert ist, braucht Kraft.

          Es mutet seltsam an. Zwanzig Jahre nachdem sie das Gefängnis dank einer Begnadigung verlassen durfte, wird eine Frau im bürgerlichen Berliner Bezirk Zehlendorf festgenommen. Was man der Heilpraktikerin vorwirft, liegt 32 Jahre zurück: Beteiligung an dreifachem Mord. Tote Spuren sind zum Leben erweckt worden. Das passiert in jüngster Zeit immer wieder: dass ungesühnte Verbrechen, die Jahrzehnte zurückliegen, so doch noch aufgeklärt werden. Das Besondere ist, dass es sich bei der Festgenommenen um Verena Becker handelt, eine ehemalige Terroristin der Roten Armee Fraktion (RAF). Es geht um den Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, seinem Fahrer und einem Polizisten im April 1977.

          Seltsam ist, dass Frau Becker in diesem Mordfall nie angeklagt wurde, obwohl die Polizei bei ihrer Festnahme die Tatwaffe bei ihr fand. Und dass Aussagen von Zeugen, eine Frau habe auf dem Motorrad gesessen, von dem die Schüsse abgegeben wurden, anscheinend nicht beachtet wurden. Zudem soll einer der drei für die Tat verurteilten Terroristen, Knut Folkerts, sich am Tattag in den Niederlanden aufgehalten haben. Das heißt nicht, dass die nun Verhaftete die Todesschützin sein muss. Die neuen Spuren und die Aufzeichnungen, die die Ermittler bei ihr sicherstellten, deuten aber darauf hin, dass sie stärker beteiligt war als bisher von ihr und den Behörden behauptet. Es ist nicht zuletzt das Verdienst von Michael Buback, dem Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, dass der Fall wiederaufgenommen wurde. Buback hat Seltsamkeiten gesammelt und veröffentlicht. Er hat in Kauf genommen, von den Behörden als Querulant betrachtet zu werden.

          Die dritte RAF-Generation hat kaum Spuren hinterlassen

          Der neue Fall zeigt auch: Selbst bei den RAF-Morden, die geklärt scheinen, wissen wir längst nicht alles. Die RAF wollte kollektiv für ihre Taten verantwortlich gemacht werden. Die Strafverfolgungsbehörden haben sich bemüht, die Tatbeteiligungen festzustellen. Aber wenn das nicht möglich war, hat man das Angebot der RAF akzeptiert. Das kann nicht befriedigen, selbst wenn als sicher gelten kann, dass niemand schuldlos verurteilt wurde. Sicher ist auch: Alle haben für andere gesessen.

          Die neuen Möglichkeiten der Kriminaltechnik können helfen, nur teilweise oder gar nicht geklärte Fälle zu lösen. So können heute Speichelspuren oder Haarpartikel, die kein Zellmaterial enthalten, für die DNA-Analyse genutzt werden. In knapp 20 Fällen liegen solche Spuren noch vor. Oft fehlt es jedoch an der Vergleichs-DNA der Verdächtigen. Bei manchen Morden der RAF aber haben die Ermittlungsbehörden gar keine "Anfasser" mehr.

          Das gilt für einige Taten der dritten RAF-Generation in den Jahren seit 1984. Die Namen Zimmermann, Beckurts, von Braunmühl, Herrhausen und Rohwedder stehen für die unaufgeklärten Morde jener Zeit, als die Behörden die RAF aus den Augen verloren. Die Nachfolger der Mohnhaupts und Klars haben kaum Spuren hinterlassen, die Täter versiegelten ihre Hände mit Wundspray, zündeten Sprengsätze, wie im Fall Herrhausen, mit einer Infrarotlichtschranke. Die Kriminaltechnik wird hier kaum dazu führen, die Täter zu finden.

          Mörder müssen mit sich selbst abrechnen

          Helfen könnten die Aussagen der einstigen Terroristen. Doch die meisten schweigen. Versteinert, verbittert, versuchen sie, ihre Welt zu retten. Elf ehemalige Terroristen hat der zuständige Bundesanwalt nun im Fall Buback befragt, keiner hat geredet. Es ist nicht nur die Furcht, zum Verräter gestempelt zu werden, die sie dazu bringt. Denn selbst diejenigen, die ihre Schuld anerkennen, vielleicht ihre Taten bereuen, beteiligen sich nicht an der Aufklärung. Gesühnt haben sie ohnehin. Doch sich einzugestehen, dass sie ganz gescheitert sind, dass ihr Tun vollkommen sinnlos war, bedarf innerer Kraft. Das gilt besonders für die, die gemordet haben. Mörder müssen vor allem mit sich selbst abrechnen. Auszusagen wäre tätige Reue. Verena Becker hatte sich schon früher dem Verfassungsschutz anvertraut - manche vermuten, dass es einen "Deal" gab. Wenn es stimmt, dass sie nun überlegt hat, ob sie für Siegfried Buback beten soll, dann heißt es zumindest, dass für sie, anders als sie behauptet hat, "die Sache" keineswegs erledigt war.

          Die RAF hat nicht gesiegt. Und eine neue RAF ist zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung nicht in Sicht. Die öffentliche Verharmlosung linksradikaler Gewalt ist aber weit verbreitet - sei es bei Sprengstoffanschlägen auf Bundeswehrfahrzeuge, bei brutalen Attacken gegen Polizisten oder manch "antifaschistischer" Aktion. Im vergangenen Jahr haben mutmaßlich Linksradikale in Berlin 300 Autos angesteckt - wie wäre eigentlich die Reaktion, wenn Rechtsextremisten Hunderte Autos Berliner Migranten anzünden würden?

          Das Kapitel RAF ist auch elf Jahre nach deren Auflösung nicht zu Ende. Nicht nur die Angehörigen der Opfer, sondern auch die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren, wenn sie noch ermittelt werden kann. Die Bundesanwaltschaft hat die Akten nicht geschlossen. Der Fall Becker gibt Hoffnung, dass das nicht umsonst gewesen ist.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

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