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Räumung von Calais : Im Dschungel

Die Siedlungen in Calais zu räumen war überfällig. Frankreich musste dort ein Zeichen setzen, wo längst nicht mehr zwischen Flüchtlingen und Migranten unterschieden werden konnte.

          Nicht nur auf dem Mittelmeer oder in Idomeni, sondern vor allem in Calais ist den Europäern seit mehr als zehn Jahren gezeigt worden, was passiert, wenn sich ihre Staaten das Thema Migration als ein moralisches aufzwingen lassen. Der „Dschungel“ ist die richtige Bezeichnung für den Slum am Ärmelkanal; es fragt sich nur, welcher Dschungel diesen Dschungel zugelassen hat. Ein Grund dafür ist, neben der Scheu vor Verantwortung, dass Flucht und Migration kaum noch unterschieden werden. Flüchtlinge, wenn sie tatsächlich welche sind, dürften keine Schwierigkeiten damit haben, erst einmal dort bleiben zu müssen, wo sie in Sicherheit sind, in diesem Fall in Frankreich. Aber aus den „Flüchtlingen“ in Calais sind längst Migranten geworden, die sich in Europa den Platz aussuchen wollen, wo sie ihr Glück wähnen, in diesem Fall Großbritannien. Für Migranten gelten aber andere Gesetze als für Flüchtlinge.

          Es war überfällig, dass Frankreich diesen Unterschied wieder klargestellt hat und die Siedlung endlich räumen lässt. Erst jetzt - viel zu spät - ist passiert, was auch in Griechenland und Italien mühsam durchgesetzt wurde: Registrierung, geregelte Unterbringung und ein Verfahren, ob eine Aufenthaltsgenehmigung gerechtfertigt ist. Nur so lässt sich verhindern, dass sich illegale Einwanderer einfach nur zu Flüchtlingen erklären müssen, um Recht und Moral (und manchmal auch Gewalt) auf ihrer Seite zu wissen. Nur so lässt sich schließlich auch konterkarieren, dass aus Migranten in der Öffentlichkeit pauschal „Flüchtlinge“ gemacht werden, weil sich auf diese Weise der moralische Zaun errichten lässt, der Grenzen und Aufenthaltsrechte zu staatlichem Unrecht erklärt.

          „Calais“ war eines der ersten Symptome für eine gescheiterte Asylpolitik im Schengen-Raum. Die Räumung der Siedlung ist deshalb als weiteres Zeichen dafür zu sehen, dass dem Westen des Kontinents die Sichtweisen nicht mehr ganz so fremd sind, die gerne verteufelt werden, wenn sie aus dem Osten kommen. Selbst Deutschland macht jetzt den Schwenk von der Willkommenskultur zur Abschiebekultur. Das ist ein Zeichen der Ernüchterung, aber noch nicht der Einsicht. Die müsste darin bestehen, erst gar nicht in die EU zu locken und zu lassen, wer anschließend mit hohem Aufwand dazu gezwungen werden muss, sie wieder zu verlassen. Das ist der eigentliche Dschungel - ein durchaus moralischer.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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