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Stiftungsgründung : Achtung, Wladimir kommt!

Abschreckung sei im Verhältnis zu Russland falsch, Entspannung hingegen richtig. „Ich möchte der Sache eine Chance geben, sehe mich als eine Form der Dienstaufsicht“, sagt Kujat. Aus der Österreich-Verbindung Jakunins ist auch der ehemalige Kanzler und SPÖ-Vorsitzende Alfred Gusenbauer dabei, mit 56 Jahren der Jungspund in der Männerrunde. Am Donnerstag, einen Tag vor der Gründung, will sich der Aufsichtsrat zum ersten Mal treffen.

Kompetenz, Wissenschaftlichkeit und Glaubwürdigkeit einkaufen

Unterstützt wird die Gründung vom Deutsch-Russischen Forum, das schon mehrere Veranstaltungen mit Jakunins Wiener Stiftung gemacht hat. Sein Vorsitzender Matthias Platzeck, ehemals brandenburgischer Ministerpräsident, sollte auf der Eröffnungsveranstaltung am Freitag ursprünglich mit auf dem Podium sitzen. Nun wird er im Tagungsprogramm nur noch als Teilnehmer herausgehoben. Auch Ronald Pofalla, der Vorsitzende des Petersburger Dialogs, wird nicht, wie geplant, dort sprechen – angeblich nachdem er darauf hingewiesen wurde, dass das neue Institut im Auswärtigen Amt wie im Kanzleramt als Problemfall betrachtet wird.

Auch sonst läuft noch nicht alles glatt. Jakunin hat eine Headhunter-Firma beauftragt, die auf der Suche nach Personal für das Institut ist. Sie fragte zahlreiche Wissenschaftler der Stiftung Wissenschaft und Politik, die die Bundesregierung berät, ob sie nicht bei Jakunins Institut anheuern wollten – bis hin zum Direktorenposten. Auch in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik wurden Headhunter und Mitarbeiter Jakunins vorstellig. Es geht darum, Kompetenz, Wissenschaftlichkeit und Glaubwürdigkeit einzukaufen. Bisher sind nur Absagen bekannt. Dennoch: Für Personen und Institutionen mit hohem Renommee und wenig Geld könnte Jakunins Schatulle zur Versuchung werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Kreml versucht, über ein Institut die politische Meinung im Westen zu drehen. In Paris wurde 2007 das „Institut für Demokratie und Kooperation“ gegründet, das im Auftrag des Kremls Menschenrechtsverstöße des Westens dokumentieren soll. Das Institut finanziert sich angeblich vom Geld „anonymer Spender“ und lädt regelmäßig Politiker der rechten und katholischen Parteien Frankreichs zu Konferenzen ein.

Geleitet wird es von Natalja Narotschnizkaja, einer ausgebildete Diplomatin, die Mitglied der nationalistischen Partei „Rodina“ ist. Sie verglich während des Ukraine-Kriegs die Unterstützung Washingtons für die ukrainischen „Faschisten“ mit Hitlers Angriff auf die Sowjetunion. Man kann sich fragen, wie weit es dem Institut in Paris gelungen ist, die öffentliche Meinung in Frankreich zu drehen.

Das Weltbild des Kremls in Deutschland propagieren

Jakunin will es besser machen. Leute, die ihm nahestehen, sagen: Er wolle „auf jeden Fall Erfolg haben“. Tatsächlich ist der Zeitpunkt geschickt gewählt. Durch die Flüchtlingskrise hat das Misstrauen gegenüber der Politik zugenommen. Der islamistische Terrorismus hat die Ansicht hoffähig gemacht, dass das christliche Abendland sich gegen eine islamische Invasion wehren muss – ein Lieblingsthema Jakunins und der russischen Nationalisten. Die Skepsis gegenüber der EU wächst.

Und in der AfD und der Linkspartei gibt es gleich mehrere Verbündete unter den deutschen Parteien – auch große Teile der SPD gehören dazu. Es fehlt also nicht an Möglichkeiten, das Weltbild des Kremls in Deutschland zu propagieren. Nicht zuletzt findet die zentrale Größe, der Antiamerikanismus, in Deutschland zahlreiche Anhänger. Im Informationskrieg Russlands geht es eben nicht nur um Fernsehsender, Nachrichtenportale oder Trollfabriken, die Internetseiten mit gefälschten Kommentaren überschwemmen.

Es geht auch um scheinbar unabhängige wissenschaftliche Institute, finanziert von einem scheinbar unabhängigen Unternehmer. Die schärfste Waffe, wenn es um russischen Einfluss, um die Soft Power des Kremls geht, sind die Fürsprecher der russischen Politik in Deutschland selbst. Hier können Jakunin und seine Genossen mit den größten Erfolgen rechnen.

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