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Stiftungsgründung : Achtung, Wladimir kommt!

Denn das Berliner Institut soll das Hauptquartier eines weltweiten Netzes russischer Denkfabriken werden. Mit ihnen will Jakunin die russische Sicht auf die Welt populär machen und politische Debatten, etwa über die Ukraine-Krise, im russlandfreundlichen Sinne beeinflussen. Vielen Beobachtern in Berlin gilt das Institut als das Instrument der hybriden Kriegsführung Moskaus, das Russland nun bewusst in der Hauptstadt des wichtigsten EU–Landes eröffne.

25 Millionen Euro von Jakunin bereitgestellt

Der Ehrgeiz Jakunins ist groß: Bis zu zwanzig feste Mitarbeiter soll das Institut haben. Für die Startphase, die auf fünf Jahre angelegt ist, stellt er angeblich 25 Millionen Euro bereit. Das Geld komme aus der Schweiz, sagen Leute, die mit der Sache vertraut sind. Dort unterhält Jakunin mit seiner Ehefrau seit langem die St.-Andreas-Stiftung; sie unterstützt die Russische-Orthodoxe Kirche. Neben dem Geld, das von Jakunin stammt, sollen russische Mäzene einige Millionen Euro für das Berliner Institut beisteuern. Kraft dieses Geldsegens sollen möglichst viele angesehene Wissenschaftler an das Institut gebunden werden, die an „Projekten forschen“ und ihre Meinungen verbreiten – von 30 bis 60 Experten ist die Rede.

Die Stiftung, die als GmbH gegründet werden soll, will zudem eine Immobilie in bester Lage in Berlin-Mitte erwerben oder mieten, der Potsdamer Platz ist die bevorzugte Adresse. Berlin soll dann das Stabsquartier aller Denkfabriken unter der Hoheit Jakunins sein. Gedacht ist neben Moskau an Peking, an ein Institut in Indien und eines in Südamerika – mit gut hundert festen Stellen an allen Standorten.

Was Jakunin bisher vorzuweisen hat, ist, gemessen an seinen Plänen, noch nicht viel. Zwar sind mehrere Kanzleien und PR-Agenturen damit beauftragt, das neue Kind aus der Taufe zu heben. Doch das bisher bekannte Personal besteht vor allem aus älteren Männern, die zuletzt wenig Einfluss hatten. Ein Ko-Gründer des Instituts ist Walter Schwimmer, 74. Der österreichische Politiker von der ÖVP war von 1999 bis 2004 Generalsekretär des Europarats, als Russland wegen des Tschetschenien-Kriegs in der Kritik stand. Schwimmer führt seit vielen Jahren die Stiftungsgeschäfte für Jakunin in Wien.

Entspannung statt Abschreckung

Der andere Ko-Gründer ist Peter W. Schulze, 73, Lehrbeauftragter an der Universität Göttingen und Honorarprofessor – der Titel wurde ihm 2001 von der Universität Rostow am Don in Südrussland verliehen. Schulze, der an vielen Rhodos-Konferenzen teilgenommen hat, ist mit Jakunin freundschaftlich verbunden. Der Politikwissenschaftler leitete von 1992 bis 2003 die Filiale der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Moskau, lehrte später in Kaliningrad. Kollegen bescheinigen ihm einen zunehmenden und tief reichenden Antiamerikanismus. Er selbst sagt, die Denkfabrik wolle „kein Propaganda-Institut“ sein. Es solle „Megatrends und globale Zusammenhänge durch hochkarätige Analysen“ erforschen, aber auch einen Bezug zu Deutschland und Europa haben.

Im Aufsichtsrat des Instituts sitzen neben Jakunin, Schwimmer und Schulze der ehemalige Präsident der Tschechischen Republik und EU-Gegner Václav Klaus, der auf dem Bundesparteitag der AfD im April gesprochen hat. Dabei ist auch der erwähnte General a. D. Harald Kujat, einst Generalinspekteur der Bundeswehr. Kujat, 74, gibt zu, dass er eigentlich nichts weiß über das Institut Jakunins. Aber er glaube, dass es „in einer offenen pluralistischen Gesellschaft zur Meinungsbildung beitragen kann“.

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