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Fifa-Korruptionsskandal : Kalter Fußballkrieg

  • -Aktualisiert am

Männer in Chefsesseln: Sepp Blatter und Wladimir Putin. Bild: Reuters

Der russische Präsident Putin sieht im Vorgehen gegen hohe Funktionäre der Fifa mehr als Ermittlungen wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung. In scharfen Worten legt er den eigentlichen Grund offen: ein Angriff auf Russland.

          3 Min.

          Es gibt auffällig viele Schnitte in dem nicht einmal drei Minuten dauernden Videoauftritt, mit dem der russische Präsident Wladimir Putin am Donnerstag seine Meinung zum Fifa-Skandal und dem Verbandspräsidenten Joseph Blatter kundgetan hat. Das russische Staatsfernsehen hat die Fragen seines Journalisten herausgeschnitten und die teilweise sehr knappen und mit bemerkenswert scharfen Konsonanten vorgetragenen Aussagen Putins aneinandergeklebt, wodurch sie möglicherweise entrüsteter wirken als sie eigentlich gesprochen wurden. Vielleicht ist das kurze Video, das offenbar in einem der Repräsentationsräume des Kreml aufgezeichnet wurde, aber auch eine bereits entschärfte Variante eines in Wirklichkeit richtig wütenden Putin-Auftritts. Denn der russische Präsident sieht in den Festnahmen führender Fifa-Funktionäre nichts anderes als einen infamen Vorstoß der Amerikaner, um die Austragung der Fußballweltmeisterschaft in Russland im Jahr 2018 zu verhindern.

          „Uns betrifft das nicht“, lautet der erste Satz, den Putin - ohne Einleitung - hervorbringt. Man kann zweierlei aus dieser Aussage herauslesen: Die Weltmeisterschaft, die Putin für sein Land errungen hat und die für dessen Selbstbewusstsein mindestens so wichtig ist wie bereits die Olympiade von Sotschi, sei durch den Korruptionsskandal in den Reihen der Fifa keineswegs in Gefahr, hat Putin vielleicht zur Beruhigung seiner Landsleute sagen wollen. Ein Schelm könnte zwischen den mageren vier Worten auch die Beteuerung hören, dass die russische Regierung mit der Bestechung von Fifa-Funktionären nichts zu tun habe. Aber das sagt Putin nicht. Er sagt: „Uns betrifft das nicht.“

          Und dann setzt er zur Verteidigung Joseph Blatters an: Wie man wisse, sollte an diesem Freitag der Fifa-Präsident gewählt werden, sagt Putin. „Und Herr Blatter hatte (hier korrigiert Putin schnell Präteritum in Präsens) - hat alle Chancen, wiedergewählt zu werden.“ Allerdings sei „Druck auf ihn (Blatter) ausgeübt worden mit dem Ziel, die Durchführung der Weltmeisterschaft 2018 in Russland zu verhindern“. Eine besondere Beziehung zwischen Fifa und Russland gebe es nicht, hebt Putin hervor. Joseph Blatter sei einfach prinzipiell der Ansicht, dass Sport und Politik voneinander zu trennen seien. Und darin pflichtet Putin ihm bei. „Zudem meint Herr Blatter, dass der Sport einen positiven Einfluss auf die Politik haben sollte und als Plattform für den Dialog, die Versöhnung und das Suchen irgendwelcher Lösungen dienen sollte“, sagt Putin weiter. Auch er halte dies für die „absolut richtig Haltung“.

          „Die USA haben damit überhaupt nichts zu tun“

          Doch - so darf man den russischen Präsidenten verstehen - gerade seine aufrechte Prinzipientreue könnte Blatter nun zum Verhängnis werden. „Was die durchgeführten Festnahmen angeht, so sieht das - vorsichtig ausgedrückt - sehr seltsam aus“, sagt Putin. Die Festnahmen seien nämlich auf Anfrage der amerikanischen Seite erfolgt - wegen Korruptionsvorwürfen gegen internationale Funktionäre. Man könne annehmen, dass einer von ihnen (den Funktionären) irgend einen Verstoß begangen habe. Er wisse das nicht, sagt der russische Präsident - und zuckt die Achseln. Jedoch hätten die Vereinigten Staaten damit überhaupt nichts zu schaffen. „Diese Funktionäre sind keine amerikanischen Staatsbürger und wenn es irgendein ,Ereignis‘ gegeben hat, dann hat dieses nicht auf dem Territorium der Vereinigten Staaten stattgefunden und die USA haben damit überhaupt nichts zu tun.“

          Darum sei die Ermittlung „ein weiterer unverhohlener Versuch der Vereinigsten Staaten, die eigene Rechtsprechung auf andere Staaten auszuweiten. Und, daran zweifle er nicht im geringsten: „Es ist ein unverhohlener Versuch, die Wiederwahl von Herrn Blatter als Präsident der Fifa zu verhindern.“ Putin bezeichnet dies, ähnlich wie es schon nachrangige russische Politiker am Mittwoch getan hatten, als eine „grobe Verletzung der Prinzipien, nach den denen internationale Organisationen funktionieren“.

          Jenseits des Skandals um den Weltfußballverband und die WM-Vergaben an Russland und Qatar, der sich noch entspannen könnte, sind dem russischen Präsidenten vielleicht auch jüngste Meldungen über die ins astronomische wachsenden Kosten des Turniers von 2018 auf die Stimmung geschlagen. Das Budget von umgerechnet fast 12 Milliarden Euro könnte nicht reichen, unter anderem weil importierte Baumaterialien wegen des drastisch gefallenen Rubelkurses für Moskau teurer werden als gedacht. In dieser Woche erst brachte ein Abgeordneter der Regierungspartei „Einiges Russland“ den Vorschlag ein, Häftlinge aus russischen Gefängnissen für die WM arbeiten zu lassen. Die russische Strafvollzugsbehörde ließ bereits wissen, dass sie nichts dagegen einzuwenden hätte.

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