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Prozess in Berlin : Gefährden Ohrlöcher das Kindeswohl?

  • -Aktualisiert am

Gefährden Ohrlöcher das Wohl des Kindes? Bild: dapd

Ein dreijähriges Mädchen wünscht sich Ohrstecker. Beim Stechen geht etwas schief - die Löcher sind nicht symmetrisch. Die Eltern des Mädchens sind deshalb vor Gericht gezogen.

          Freitag zehn Uhr im Amtsgericht Berlin Lichtenberg, Saal 209A. Verhandelt wird: „Schmerzensgeldforderung eines Kindes nach Ohrlochstechen im Tattoo-Studio“. Die Beklagte wird durch ihren Anwalt vertreten. Sie ist Inhaberin eines Tattoo-Studios. „Wir sind die Lieben“ lautet der Werbeslogan, versehen mit einem Smiley auf leuchtend gelbem Grund. Im Weiteren wird es um ihre beiden Angestellten, die „liebe Jenny“ und die „liebe Michele“, gehen.

          Die Klägerin, wie sie im Verfahren genannt wird, ist ein dreijähriges Mädchen. Sie ist ebenfalls durch ihren Anwalt vertreten, sowie durch ihren Vater, einen Kfz-Mechaniker mit Ohrringen in beiden Ohrläppchen und einem breiten Silberreif an der oberen linken Ohrmuschel. An der rechten Augenbraue ist er mehrfach gepierct. Warum die Mutter der Klägerin, eine Verkäuferin, nicht anwesend sei, will Amtsrichter Uwe Kett wissen. Die Mutter der Klägerin passe zu Hause auf die Klägerin auf, lautet die Antwort.

          Forderung nach Schmerzensgeld

          Anwesend sind ferner Journalisten und Kameraleute. Denn Amtsrichter Kett ist mit einer Mitteilung an die Öffentlichkeit gegangen, die einiges Aufsehen erregt hat. In einem rechtlichen Hinweis zur Klage kündigte er an, prüfen zu lassen, ob sich die Inhaberin des Tattoo-Studios und auch die Eltern nicht vielleicht strafbar gemacht haben: Diente die Einwilligung der Eltern zum Ohrlochstechen wirklich dem Wohl des Kindes? Und warum lehnte die Inhaberin es nicht ab, bei einem so jungen Kind Ohrlöcher zu stechen? Könnte es sich gar um Körperverletzung handeln? Ausdrücklich verwies der Richter auf das Urteil des Kölner Landgerichts, das die Beschneidung eines muslimischen Jungen als Körperverletzung gewertet hatte. Wenn das Entfernen der Vorhaut die körperliche Unversehrtheit eines Kindes verletzt, warum nicht auch der Stich durch das Ohr? Diese Fragen müssten, so regt Richter Kett an, in einem weiteren, strafrechtlichen Verfahren geklärt werden. Einstweilen befinden wir uns noch in einem zivilrechtlichen Prozess um Schmerzensgeld. Die geforderte Summe: 70 Euro.

          Richter Klett genießt die große Aufmerksamkeit, die seinem Fall zuteil wird, und beschließt aus den Akten vorzulesen. Über den Hergang des Geschehens besteht weitgehende Einigkeit. Das kleine Mädchen hatte sich die Ohrringe zum Geburtstag gewünscht. Eine Woche vor Weihnachten erfüllten die Eltern ihr den Wunsch. Im Studio erkundigte sich zuerst die Mutter über das Vorgehen, dann rief sie Vater und Kind herein.

          Dem Mädchen wurde auf beiden Ohrläppchen eine Salbe aufgetragen, die „bei entsprechender Einwirkzeit“ eine betäubende Wirkung haben soll. Während des Einwirkens bereiteten die liebe Jenny und die liebe Michele die Pistolen vor, mit denen sie die Stecker einschießen würden. Sie warnten die Eltern, dass ihre Tochter durch den Knall der Pistolen erschreckt werden, weinen könnte. Nach einer Viertelstunde entfernten sie die Salbe wieder und brachten an beiden Ohren in Absprache mit den Eltern eine Markierung an. Der Vater hatte sehr präzise Vorstellungen, zweimal musste die Markierung auf seinen Wunsch korrigiert werden.

          Das kleine Mädchen auf dem Schoß der Mutter wurde unruhig. Endlich legten Jenny und Michele die Pistolen an, zählten auf drei und schossen. Das Mädchen weinte. Mit dem Durchschuss waren die „Gesundheitsohrringe“ aus Edelstahl eingeführt worden. Es trat kein Blut aus. Aber während Michele am linken Ohr die Markierung genau getroffen hatte, verfehlte Jenny rechts die vorgezeichnete Stelle. Die Löcher seien nicht symmetrisch, befand der Vater. Er verlangte, den rechten Stecker zu entfernen. Was auch geschah. Aber an eine Korrektur war nicht zu denken, dazu war das Kind mittlerweile viel zu aufgebracht. „Wegen des gesamten Ablaufs“, so der Anwalt der Beklagten, verzichtete das Tattoo-Studio auf die Bezahlung.

          Geburtstagswunsch

          Die Inhaberin, die während des Geschehens nicht in ihrem Laden war, verwies später in einem Schreiben an die Eltern darauf, dass Ohrlochstechen bei Kindern in diesem Alter fast immer sehr schwierig sei. Meist müssten die Eltern ihre Kinder durch Festhalten der Arme oder des Kopfes fixieren. Auch im Falle des kleinen Mädchens gaben Jenny und Michele an, dass es nicht stillgehalten habe, was die Eltern allerdings bestreiten. Schließlich sei hier ein Geburtstagswunsch in Erfüllung gegangen, es sei also nicht nötig gewesen, das Mädchen festzuhalten.

          Drei Tage später begann das kleine Mädchen immer noch zu weinen, wenn die Mutter das rechte Ohr inspizieren wollte. Die Mutter fürchtete, dass sich das Loch entzündet haben könnte und suchte eine Kinderärztin auf. Auch dort widersetzte sich das Mädchen einer Untersuchung, woraus die Mutter schloss, dass das Kind „offensichtlich ein Trauma erlitten“ hat, wie es in der Klageschrift heißt. Die Ärztin fand das Loch weder entzündet noch gerötet. Trotzdem beschlossen die Eltern, gegen das Studio vorzugehen.

          Liegt die Einwilligung vor?

          Am 4. Januar stellte ein ärztlicher Gutachter fest, dass das Loch auf der linken Seite etwa acht Millimeter von der unteren Ohrläppchenkante entfernt liegt, während der Abstand rechts neun bis zehn Millimeter beträgt. Diese Abweichung, und nicht etwa die Schmerzen des kleinen Mädchens, begründen die Schmerzensgeldforderung der Eltern. Ob an der richtigen Stelle oder nicht, bei jedem Ohrlochschießen trete, so der Richter, schließlich „der gleiche minimale Schmerz“ auf.

          Mehrfach verweist der Richter auf den „interessanten Zusammenhang mit der aktuellen Rechtsprechung aus Köln“, verheddert sich aber immer wieder in den Details seines Falls. Kann Symmetrie tatsächlich mit dem Millimetermaß bestimmt werden? Schließlich, so der Richter, beurteile ein Friseur die Symmetrie seiner Werke ja auch nicht mit dem Bandmaß. Ist das Ohrlochstechen nun gelungen oder missglückt? Und wie ist es mit der Einwilligung der Eltern, ohne die die Löcher gar nicht hätten gestochen werden dürfen? Gilt die Einwilligung noch, wenn das Loch an der falschen Stelle sitzt?

          Strafrechtliche Klärung

          Es gehe, so der Richter, um ethisch-moralische Fragen. Kann die Einwilligung dem Kindeswohl widersprechen, auch wenn das Ohrlochstechen dem ausdrücklichen Wunsch des Kindes entspricht? Wäre die Einwilligung der Eltern nicht mit dem Kindeswohl vereinbar, so wären die Löcher rechtswidrig gestochen worden. Das habe ja auch der Kölner Richter abwägen müssen: das Elternrecht auf der einen und die möglichen Risiken für das Kindeswohl auf der anderen Seite. Nur sei es da schwieriger gewesen, weil es auch noch die Religionsfreiheit zu bedenken galt. Dass die Eltern oder das Tattoo-Studio in einem Strafverfahren tatsächlich belangt werden könnten, hält der Richter für ausgeschlossen. Schließlich sei auch der Kölner Arzt freigesprochen worden, weil er nicht wusste, dass er eine Straftat beging.

          Aber all das ist eben gar nicht Gegenstand dieses Verfahrens, das sich nach einer Dreiviertelstunde seinem Ende nähert: Die Parteien einigen sich auf einen Vergleich. Das kleine Mädchen bekommt von der Inhaberin des Tattoo-Studios siebzig Euro „in sein Sparschwein“. Die Anwaltskosten von je 51,78 Euro trägt jede Partei selbst und die Gerichtskosten von 25 Euro werden geteilt. Hätte man sich nicht geeinigt, wären 75 Euro fällig geworden. Für die Eltern zahlt die Rechtsschutzversicherung. Die Beklagte zahlt selbst.

          Und Amtsrichter Kett? Wird er den Fall einer strafrechtlichen Klärung zuführen? „Wahrscheinlich“, sagt er. Schließlich habe er das angekündigt. Aber er müsse sich das noch mal durch den Kopf gehen lassen. Dem kleinen Mädchen geht es gut, sagt ihr Anwalt. Links trägt sie jetzt einen Ohrring, rechts nicht.

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