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Prozess in Berlin : Gefährden Ohrlöcher das Kindeswohl?

  • -Aktualisiert am

Gefährden Ohrlöcher das Wohl des Kindes? Bild: dapd

Ein dreijähriges Mädchen wünscht sich Ohrstecker. Beim Stechen geht etwas schief - die Löcher sind nicht symmetrisch. Die Eltern des Mädchens sind deshalb vor Gericht gezogen.

          4 Min.

          Freitag zehn Uhr im Amtsgericht Berlin Lichtenberg, Saal 209A. Verhandelt wird: „Schmerzensgeldforderung eines Kindes nach Ohrlochstechen im Tattoo-Studio“. Die Beklagte wird durch ihren Anwalt vertreten. Sie ist Inhaberin eines Tattoo-Studios. „Wir sind die Lieben“ lautet der Werbeslogan, versehen mit einem Smiley auf leuchtend gelbem Grund. Im Weiteren wird es um ihre beiden Angestellten, die „liebe Jenny“ und die „liebe Michele“, gehen.

          Die Klägerin, wie sie im Verfahren genannt wird, ist ein dreijähriges Mädchen. Sie ist ebenfalls durch ihren Anwalt vertreten, sowie durch ihren Vater, einen Kfz-Mechaniker mit Ohrringen in beiden Ohrläppchen und einem breiten Silberreif an der oberen linken Ohrmuschel. An der rechten Augenbraue ist er mehrfach gepierct. Warum die Mutter der Klägerin, eine Verkäuferin, nicht anwesend sei, will Amtsrichter Uwe Kett wissen. Die Mutter der Klägerin passe zu Hause auf die Klägerin auf, lautet die Antwort.

          Forderung nach Schmerzensgeld

          Anwesend sind ferner Journalisten und Kameraleute. Denn Amtsrichter Kett ist mit einer Mitteilung an die Öffentlichkeit gegangen, die einiges Aufsehen erregt hat. In einem rechtlichen Hinweis zur Klage kündigte er an, prüfen zu lassen, ob sich die Inhaberin des Tattoo-Studios und auch die Eltern nicht vielleicht strafbar gemacht haben: Diente die Einwilligung der Eltern zum Ohrlochstechen wirklich dem Wohl des Kindes? Und warum lehnte die Inhaberin es nicht ab, bei einem so jungen Kind Ohrlöcher zu stechen? Könnte es sich gar um Körperverletzung handeln? Ausdrücklich verwies der Richter auf das Urteil des Kölner Landgerichts, das die Beschneidung eines muslimischen Jungen als Körperverletzung gewertet hatte. Wenn das Entfernen der Vorhaut die körperliche Unversehrtheit eines Kindes verletzt, warum nicht auch der Stich durch das Ohr? Diese Fragen müssten, so regt Richter Kett an, in einem weiteren, strafrechtlichen Verfahren geklärt werden. Einstweilen befinden wir uns noch in einem zivilrechtlichen Prozess um Schmerzensgeld. Die geforderte Summe: 70 Euro.

          Richter Klett genießt die große Aufmerksamkeit, die seinem Fall zuteil wird, und beschließt aus den Akten vorzulesen. Über den Hergang des Geschehens besteht weitgehende Einigkeit. Das kleine Mädchen hatte sich die Ohrringe zum Geburtstag gewünscht. Eine Woche vor Weihnachten erfüllten die Eltern ihr den Wunsch. Im Studio erkundigte sich zuerst die Mutter über das Vorgehen, dann rief sie Vater und Kind herein.

          Dem Mädchen wurde auf beiden Ohrläppchen eine Salbe aufgetragen, die „bei entsprechender Einwirkzeit“ eine betäubende Wirkung haben soll. Während des Einwirkens bereiteten die liebe Jenny und die liebe Michele die Pistolen vor, mit denen sie die Stecker einschießen würden. Sie warnten die Eltern, dass ihre Tochter durch den Knall der Pistolen erschreckt werden, weinen könnte. Nach einer Viertelstunde entfernten sie die Salbe wieder und brachten an beiden Ohren in Absprache mit den Eltern eine Markierung an. Der Vater hatte sehr präzise Vorstellungen, zweimal musste die Markierung auf seinen Wunsch korrigiert werden.

          Das kleine Mädchen auf dem Schoß der Mutter wurde unruhig. Endlich legten Jenny und Michele die Pistolen an, zählten auf drei und schossen. Das Mädchen weinte. Mit dem Durchschuss waren die „Gesundheitsohrringe“ aus Edelstahl eingeführt worden. Es trat kein Blut aus. Aber während Michele am linken Ohr die Markierung genau getroffen hatte, verfehlte Jenny rechts die vorgezeichnete Stelle. Die Löcher seien nicht symmetrisch, befand der Vater. Er verlangte, den rechten Stecker zu entfernen. Was auch geschah. Aber an eine Korrektur war nicht zu denken, dazu war das Kind mittlerweile viel zu aufgebracht. „Wegen des gesamten Ablaufs“, so der Anwalt der Beklagten, verzichtete das Tattoo-Studio auf die Bezahlung.

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