https://www.faz.net/-gpf-72jh0

Prozess in Berlin : Gefährden Ohrlöcher das Kindeswohl?

  • -Aktualisiert am

Geburtstagswunsch

Die Inhaberin, die während des Geschehens nicht in ihrem Laden war, verwies später in einem Schreiben an die Eltern darauf, dass Ohrlochstechen bei Kindern in diesem Alter fast immer sehr schwierig sei. Meist müssten die Eltern ihre Kinder durch Festhalten der Arme oder des Kopfes fixieren. Auch im Falle des kleinen Mädchens gaben Jenny und Michele an, dass es nicht stillgehalten habe, was die Eltern allerdings bestreiten. Schließlich sei hier ein Geburtstagswunsch in Erfüllung gegangen, es sei also nicht nötig gewesen, das Mädchen festzuhalten.

Drei Tage später begann das kleine Mädchen immer noch zu weinen, wenn die Mutter das rechte Ohr inspizieren wollte. Die Mutter fürchtete, dass sich das Loch entzündet haben könnte und suchte eine Kinderärztin auf. Auch dort widersetzte sich das Mädchen einer Untersuchung, woraus die Mutter schloss, dass das Kind „offensichtlich ein Trauma erlitten“ hat, wie es in der Klageschrift heißt. Die Ärztin fand das Loch weder entzündet noch gerötet. Trotzdem beschlossen die Eltern, gegen das Studio vorzugehen.

Liegt die Einwilligung vor?

Am 4. Januar stellte ein ärztlicher Gutachter fest, dass das Loch auf der linken Seite etwa acht Millimeter von der unteren Ohrläppchenkante entfernt liegt, während der Abstand rechts neun bis zehn Millimeter beträgt. Diese Abweichung, und nicht etwa die Schmerzen des kleinen Mädchens, begründen die Schmerzensgeldforderung der Eltern. Ob an der richtigen Stelle oder nicht, bei jedem Ohrlochschießen trete, so der Richter, schließlich „der gleiche minimale Schmerz“ auf.

Mehrfach verweist der Richter auf den „interessanten Zusammenhang mit der aktuellen Rechtsprechung aus Köln“, verheddert sich aber immer wieder in den Details seines Falls. Kann Symmetrie tatsächlich mit dem Millimetermaß bestimmt werden? Schließlich, so der Richter, beurteile ein Friseur die Symmetrie seiner Werke ja auch nicht mit dem Bandmaß. Ist das Ohrlochstechen nun gelungen oder missglückt? Und wie ist es mit der Einwilligung der Eltern, ohne die die Löcher gar nicht hätten gestochen werden dürfen? Gilt die Einwilligung noch, wenn das Loch an der falschen Stelle sitzt?

Strafrechtliche Klärung

Es gehe, so der Richter, um ethisch-moralische Fragen. Kann die Einwilligung dem Kindeswohl widersprechen, auch wenn das Ohrlochstechen dem ausdrücklichen Wunsch des Kindes entspricht? Wäre die Einwilligung der Eltern nicht mit dem Kindeswohl vereinbar, so wären die Löcher rechtswidrig gestochen worden. Das habe ja auch der Kölner Richter abwägen müssen: das Elternrecht auf der einen und die möglichen Risiken für das Kindeswohl auf der anderen Seite. Nur sei es da schwieriger gewesen, weil es auch noch die Religionsfreiheit zu bedenken galt. Dass die Eltern oder das Tattoo-Studio in einem Strafverfahren tatsächlich belangt werden könnten, hält der Richter für ausgeschlossen. Schließlich sei auch der Kölner Arzt freigesprochen worden, weil er nicht wusste, dass er eine Straftat beging.

Aber all das ist eben gar nicht Gegenstand dieses Verfahrens, das sich nach einer Dreiviertelstunde seinem Ende nähert: Die Parteien einigen sich auf einen Vergleich. Das kleine Mädchen bekommt von der Inhaberin des Tattoo-Studios siebzig Euro „in sein Sparschwein“. Die Anwaltskosten von je 51,78 Euro trägt jede Partei selbst und die Gerichtskosten von 25 Euro werden geteilt. Hätte man sich nicht geeinigt, wären 75 Euro fällig geworden. Für die Eltern zahlt die Rechtsschutzversicherung. Die Beklagte zahlt selbst.

Und Amtsrichter Kett? Wird er den Fall einer strafrechtlichen Klärung zuführen? „Wahrscheinlich“, sagt er. Schließlich habe er das angekündigt. Aber er müsse sich das noch mal durch den Kopf gehen lassen. Dem kleinen Mädchen geht es gut, sagt ihr Anwalt. Links trägt sie jetzt einen Ohrring, rechts nicht.

Weitere Themen

Rebellion gegen Erdogan

Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.

Zehntausende trotzen Demo-Verbot Video-Seite öffnen

Hongkong : Zehntausende trotzen Demo-Verbot

In Hongkong sind erneut zehntausende Menschen für ihre demokratischen Rechte auf die Straße gegangen. Die Aktivisten setzten sich wie in der Vergangenheit über ein Demonstrationsverbot hinweg.

Topmeldungen

Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.