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Prozess gegen Terrorgruppe : „Waren doch nur ein paar Böller“

  • -Aktualisiert am

No Asyl: Es herrscht eine fremdenfeindliche Stimmung im sächsischen Freital. Bild: dpa

Immer wieder kommt es in Sachsen zu rechtsextremen Übergriffen. In Dresden beginnt nun der Prozess gegen acht Mitglieder der mutmaßlichen Terrorgruppe aus Freital. Nicht alle Bewohner des Ortes finden das gut.

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          Als im vergangenen Frühjahr die Spezialeinheit GSG 9 mit 200 Beamten in Freital anrückte, Häuser durchsuchte und fünf Verdächtige festnahm, führte das zu Furore in der Kleinstadt südlich von Dresden. Ein solch entschiedenes Vorgehen des Staates war man hier nicht gewohnt. Anschläge auf Flüchtlinge und deren Unterstützer hat es seitdem immerhin nicht mehr gegeben. „Es ist ruhiger geworden“, sagt auch Steffi Brachtel. Die zierliche Frau zählt zu den Freitalern, die in Flüchtlingen nicht den Untergang des Abendlandes sehen, sondern anpacken und ihnen bei der Eingewöhnung, Behördengängen und Kinderbetreuung helfen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Die Fremdenfeindlichkeit ist mit den Festnahmen aber nicht verschwunden“, sagt die 41 Jahre alte Frau, die als Kellnerin in Dresden arbeitet. „Das Schlimme ist, dass das hier bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist.“ Bis heute hielten manche Freitaler den GSG-9-Einsatz für maßlos übertrieben. Sätze wie „Waren doch nur ein paar Böller“ oder „Wegen der paar Dumme-Jungen-Streiche“ kennt Brachtel zur Genüge. Nach den Festnahmen habe sie im Bus zwei adrett gekleideten Mittsiebzigerinnen gegenübergesessen, welche die Vorwürfe abgetan, die Medien für den miesen Ruf Freitals verantwortlich gemacht und sich über „sexuell unausgelastete Flüchtlinge“ echauffiert hätten.

          Doch was für die einen lediglich Streiche sein mögen, sieht der Generalbundesanwalt völlig anders. Er hat gegen die mutmaßlichen Urheber – sieben Männer und eine Frau – Anklage erhoben, weil sie eine „rechtsterroristische Vereinigung“ gegründet haben und Sprengstoffanschläge verübt haben sollen. Von diesem Dienstag an müssen sich die 19 bis 39 Jahre alten Angeklagten deshalb unter anderem wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, des Herbeiführens von Sprengstoffexplosionen sowie Sachbeschädigung vor dem Oberlandesgericht Dresden verantworten.

          „Klima der Angst und Repression“

          Den Ermittlern zufolge haben sich die Beschuldigten spätestens ab Juli 2015 mit Gleichgesinnten zu einer rechtsterroristischen Gruppe zusammengeschlossen und das Ziel verfolgt, Sprengstoffanschläge auf Unterkünfte von Asylbewerbern sowie auf Wohnungen, Büros und Fahrzeuge von Flüchtlingshelfern und politisch Andersdenkenden zu begehen. „Dadurch wollten die Angeklagten ein Klima der Angst und Repression erzeugen“, heißt es in der Anklageschrift. Als Rädelsführer werden darin zwei Männer genannt, der 28 Jahre alte Timo S. und der 25 Jahre alte Patrick F.

          S. stammt aus Hamburg und zog erst vor drei Jahren nach Freital zu seiner Freundin. Der Zeitschrift „Stern“ zufolge hatte ihm zuvor sein Arbeitgeber, ein Busunternehmen in der Hansestadt, gekündigt, unter anderem wegen Hasskommentaren gegen Flüchtlinge auf Facebook. In Freital fand S. schnell wieder einen Job als Busfahrer sowie einen Gleichgesinnten unter Kollegen, der nun ebenfalls auf der Anklagebank sitzt. Und er bekam Kontakt zu Patrick F., der allein lebt, als Lagerist in Dresden arbeitete, im Nebenjob Pizza auslieferte, zu Pegida ging und gegen Linke und Flüchtlinge hetzte.

          Normalbürger radikalisieren sich

          Beide aber lebten, ebenso wie ihre Mitangeklagten, bis dahin eher unauffällig, Sie alle sind auch keine Größen in der rechtsextremen Szene, im Gegenteil: Fast alle haben Berufe, arbeiteten als Gleisbauer, Altenpfleger, Mechaniker oder Paketzusteller, einige haben Familie. Vor allem aber sind sie, bis auf einen, nicht vorbestraft und damit wie ein Beleg für eine Entwicklung, die das Operative Abwehrzentrum, Sachsens Polizeieinheit gegen Extremismus, seit gut zwei Jahren feststellt: Mehr als drei Viertel der Täter bei Angriffen auf Flüchtlinge sowie deren Unterkünfte oder Unterstützer sind zuvor noch nie polizeilich in Erscheinung getreten.

          Es sind Normalbürger, die sich radikalisieren. Die Anfänge der „Gruppe Freital“, wie die Gruppe der Angeklagten auch genannt wird, fallen ziemlich genau in den Herbst 2014, als die Hetze gegen Asylbewerber zunächst via Facebook und dann auch auf der Straße, etwa bei Pegida, zunimmt. Mehrere der Angeklagten sind in einschlägigen Facebook-Gruppen und bei Pegida-Kundgebungen aktiv, und als Anfang 2015 bekannt wird, dass in Freital in ein leerstehendes Hotel Asylbewerber einziehen sollen, gründen sich in der Stadt Initiativen wie „Freital wehrt sich“, „Frigida“ und „Bürgerwehr FTL/360“. Letztere ist nach einer lokalen Buslinie benannt, die auch Timo S. fährt.

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