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Prozess gegen Anders Behring Breivik : Norwegen stellt sich dem schrecklichsten Verbrechen

Anders Behring Breivik vor Prozessbeginn am Montagmorgen im Gericht in Oslo Bild: REUTERS

Der Prozess gegen Anders Behring Breivik wird die Wunden aus dem Sommer neu aufreißen. Das ist notwendig, denn er soll zeigen, dass Norwegen auch auf das schrecklichste Verbrechen seiner jüngeren Geschichte mit den Mitteln des Rechtsstaats reagiert: transparent, akribisch und offen.

          An diesem Montagmorgen um neun Uhr beginnt der Prozess gegen Anders Behring Breivik – und die Geschehnisse im Amtsgericht von Oslo werden live in andere Gebäude sowie in 17 weitere Gerichtssäle in ganz Norwegen übertragen. Denn die meisten Angehörigen der Opfer und diejenigen, die er verletzt hat, fänden im Gerichtssaal keinen Platz , auch nicht die Hunderten von Journalisten, die den Prozess verfolgen. Allein die Sicherheitsvorkehrungen sollen umgerechnet fast drei Millionen Euro kosten, berichtet der norwegische Fernsehsender NRK. Insgesamt soll das Verfahren, so rechnete das Gericht vor, den norwegischen Steuerzahler knapp 13 Millionen Euro kosten. Das Amtsgericht hat eigens einen neuen Saal eingerichtet, er trägt die Nummer 250.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das Verfahren um die „22/7-saken“, das dort nun beginnt, soll zeigen, dass Norwegen auch auf das schrecklichste Verbrechen in seiner jüngeren Geschichte mit den Mitteln des Rechtsstaats reagiert, transparent, akribisch, offen und genau – und es soll den Sätzen von Ministerpräsident Jens Stoltenberg, Norwegen wolle dem Hass und der Gewalt mit noch mehr Zusammenhalt, noch mehr Offenheit entgegentreten, ein juristisches Pendant liefern.

          Längst hat der 33 Jahre alte Breivik gestanden, was die Anklageschrift auflistet. Darin werden ihm terroristische Akte und Mord vorgeworfen. Laut Anklageschrift legte Breivik am 22. Juli vorigen Jahres im Osloer Regierungsviertel eine unter anderem mit Kunstdünger gebaute, 950 Kilogramm schwere Autobombe. Sie detonierte um 15:25 Uhr. Acht Menschen wurden durch die Wucht der Detonation und umherfliegende Trümmer getötet, Hunderte weitere verletzt. Teile der Innenstadt lagen in Trümmern, auch das Büro des Ministerpräsidenten wurde verwüstet.

          Anschließend, so beschreibt die Anklage weiter, erschoss Breivik auf der rund 40 Kilometer entfernten Insel Utøya, wo die Jugendorganisation der regierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei ihr Sommerlager abhielt, 69 Menschen, die meisten von ihnen Teenager. Allein 52 Opfern schoss er den Staatsanwälten zufolge in den Kopf. Eines der Todesopfer ertrank, bei einem konnte nicht geklärt werden, ob es ertrunken oder den Verletzungen erlegen war, die es sich beim Sturz von einer Klippe zugezogen hatte. Breivik, der als Polizist verkleidet war, benutzte zwei Waffen, eine halbautomatische Pistole und ein halbautomatisches Gewehr. Zwischen 17:15 Uhr und 18:35 mordete er ungestört, ehe er sich den Einsatzkräften ergab.

          Großer Fall, große Pose: Breiviks Anwälte präsentierten sich in Oslo

          In der Anfang März vorgestellten Anklageschrift heißt es: „Der Angeklagte hat extrem ernste Verbrechen in einem Ausmaß begangen, das in unserem Land in heutigen Zeit noch nicht erlebt worden ist.“ Breivik habe die Absicht gehabt, eine wichtige Stütze der norwegischen Gesellschaft zu schädigen und Angst in der Bevölkerung im gesamten Land zu verbreiten. Es bestehe die berechtigte Befürchtung, dass er seine Taten wiederholen könne.

          Alte Wunden werden aufgerissen

          Für viele Norweger reißt der auf zehn Wochen terminierte Prozess in Oslo die Wunden aus dem vergangenen Sommer neu auf. Jeder vierte von ihnen, so hat ein Meinungsforschungsinstitut errechnet, kennt einen der Verletzten oder Getöteten persönlich. Sieben von zehn Norweger wollen laut einer Umfrage der Zeitung „Aftenposten“ von Breivik nichts mehr hören, finden, die Medien schenkten dem Prozess zu viel Aufmerksamkeit. Manche befürchten auch, der Attentäter könnte mit seinen Aussagen zum Mythos werden. Denn Breivik darf die ersten fünf Prozesstage lang selbst über seine Motive und Ideologie sprechen – hinter schusssicheren Glasscheiben, denn laut Medienberichten sind gegen ihn mindestens zwei Morddrohungen erhoben worden.

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