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Prozess gegen Anders Behring Breivik : Norwegen stellt sich dem schrecklichsten Verbrechen

Staatsanwalt Svein Holden hat angekündigt, er und seine Kollegin Inga Bejer Engh wollten versuchen, Breiviks Aussagen „auf das zu begrenzen, was relevant für den Prozess ist“ und so Hinterbliebene und Opfer schützen. Breiviks Verteidiger Geir Lippestad hat hingegen gesagt: „Es ist sehr wichtig, dass man ihm Zeit gibt, seine Motive und Gedanken zu erklären.“ Auch bereitete Lippestad die Norweger auf schmerzhafte Aussagen seines Mandanten vor: „Er wird auch sein Bedauern äußern, dass er nicht weiterging.“ Denn, so der Anwalt: „Könnte er wählen, würde er dasselbe noch einmal tun.“ Breivik werde aussagen, er habe in Notwehr gehandelt – und, so fügte Lippestad in einem Zeitungsgespräch hinzu: „Technisch gesehen haben wir aber keine andere Wahl, als seine Argumente darüber vorzutragen, warum er das getan hat.“ Breivik werde „vieles sagen, das nur schwer anzuhören ist. Aber für einen guten Prozess müssen wir da durch.“

Breivik erklärt seine Taten für „grausam, aber notwendig“

Breivik selbst hatte schon in den Anhörungen vor den Ermittlern deutlich gemacht, dass er zwar die Verantwortung für die Attentate übernehme, sie aber nicht als Verbrechen verstehe. Er erklärte seine Taten für „grausam, aber notwendig“, um die Aufmerksamkeit auf seinen Kampf gegen die „muslimische Invasion“ nach Europa zu lenken. Das linksgerichtete politische Establishment habe er ins Visier genommen, weil dieses das Land mit seiner liberalen Einwanderungspolitik verraten habe. Der Prozess, so schrieb Breivik aus dem Gefängnis, sei für ihn eine „absolut einmalige Möglichkeit, der Welt meine Ideen zu erklären“.

Auch in seinem im Internet verbreiteten, mehr als 1500 Seiten starken Pamphlet („2083 – Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“) beschreibt Breivik detailliert und über viele Seiten, wie er einen Prozess gegen ihn für seine Sache nutzen will. Breivik sieht sich darin als „Kreuzritter“, der „Norwegen und Westeuropa vor dem Kulturmarxismus und einer muslimischen Übernahme“ rettet. Die Verteidigung will Zeugen sowohl aus dem rechtsextremen wie dem islamistischen Milieu sowie Experten für politische Ideologien aufrufen – aber auch einen Politiker der rechtspopulistischen Fortschrittspartei, die sich nur halbherzig von den islamfeindlichen Aussagen aus ihrer Führung distanziert hat.

In Breiviks Welt- und Selbstbild würde es schlecht passen, in einer psychiatrischen Anstalt zu enden; Breivik selbst hat erklärt, dies wäre „schlimmer als der Tod“. So äußerte er sich „gekränkt“ über ein erstes, Ende November vorigen Jahres vorgelegtes Gutachten über seinen Geisteszustand. Diese Expertise, welche die Psychiater Torgeir Husby und Synne Sørheim auf einen Auftrag des Gerichts hin erstellten, stuft Breivik wegen „paranoider Schizophrenie“ als nicht schuldfähig ein und empfiehlt, ihn in eine geschlossene Anstalt einzuweisen.

Breivik ein selbstverliebter, unsozialer Narzisst

Doch kurz vor Prozessbeginn stufte dann ein zweites Gutachten Breivik als voll schuldfähig ein und widersprach damit der ersten Einschätzung. Die Psychiater Agnar Aspaas und Terje Tørrisen, die das Gericht auch auf Betreiben der Rechtsanwälte einiger Opferfamilien hinzugezogen hatte, kamen zu dem Schluss, Breivik sei zwar ein selbstverliebter, unsozialer Narzisst, leide aber nicht unter einer ernsten psychischen Erkrankung. Zu akribisch sei die Tat über Jahre hinweg geplant und dann zu kaltblütig ausgeführt worden.

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