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„Extinction Rebellion“ : Aufbegehren gegen das Massensterben

„Handelt jetzt“: Klimaaktivisten blockieren im Juli eine Straße in Leeds Bild: dpa

Blockaden von Londoner Brücken und Plätzen machten „Extinction Rebellion“ bekannt. An diesem Montag plant die Organisation auch in Deutschland Proteste.

          3 Min.

          Zehntausende, sagen die Aktivisten von „Extinction Rebellion“ voraus, werden an diesem Montag das Londoner Regierungsviertel lahmlegen. Menschen wollen sich anketten, auf Straßen legen und auf andere Weise protestieren. Alle Zufahrtswege zum Westminster Palace sollen so blockiert werden – nicht nur für einen Tag, sondern so lange wie möglich. Die Aktion in Großbritannien, dem Geburtsort der „Rebellion gegen das Aussterben“ (XR), dürfte die weltweit größte sein; aber in vielen anderen Ländern, auch in Deutschland, sind ähnliche Kundgebungen geplant.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Mehr als 150.000 Unterstützer zählt XR mittlerweile. Aus dem Häuflein, das sich im Frühjahr 2018 unter diesem Namen zusammengeschlossen hat, ist eine schlagkräftige Organisation geworden mit einer Zentrale im Ostlondoner Stadtteil Bethnal Green. Die Gründer waren schon zuvor in Gruppen und Netzwerken mit ökologisch-antikapitalistischer Ausrichtung aktiv gewesen. Zwei von ihnen, der Aussteiger und Sozialwissenschaftler Roger Hallam sowie die Molekularbiologin Gail Bradbrook, hatten 2016 die Aktivistengruppe „Rising Up!“ ins Leben gerufen.

          Dunkle Aussichten

          Hallam ist der bekannteste – wenn auch seiner Radikalität und seines Pessimismus wegen nicht unumstrittene – Repräsentant der Gruppe. Seine Markenzeichen sind graue, zu einem Dutt gebundene Haare und eine für britische Verhältnisse bemerkenswerte Humorlosigkeit. Der 53 Jahre alte Hallam wirft „den Eliten“ vor, ein „Massensterben“ zuzulassen. Die Jugendlichen von heute würden im Laufe ihres Lebens Zeuge werden, wie sechs Milliarden Menschen an den Folgen des Klimawandels zugrunde gingen, behauptete er in einem Interview mit der BBC. Dies seien „die wissenschaftlichen Fakten“. In einem Interview mit dem „New Statesman“ schätzte er die Chancen, dass seine eigenen Kinder sein Alter erreichten, mit zwei bis zwanzig Prozent ein.

          Hallam will die vollständige Vermeidung von Treibhausgasen, welche die britische Regierung für das Jahr 2050 anstrebt, im Laufe der kommenden fünf Jahre erreichen. Als ihm die BBC vorhielt, dass die Bürger dann nicht mehr Auto fahren, fliegen und heizen dürften, reagierte Hallam mit einem Achselzucken. Er vergleicht die Klimaprognosen der Wissenschaft mit einer Krebsdiagnose, nach welcher der Patient ja auch sein Leben radikal umstellen müsse, wolle er überleben. „Hoffnung“ ist ein Wort, das Hallam nicht verwendet.

          Er hält das nahende Ende der Menschheit für kaum noch abwendbar. Eine geringe Chance, den „sozialen Kollaps“ zu verringern, sieht er nur noch in der Organisation gewaltfreien Widerstands – einer Protestform, über die er promoviert hat. Dabei ist Hallam bereit, die Gewaltlosigkeit sehr weit zu fassen. Umstritten selbst unter den XR-Aktivisten ist sein Plädoyer für Maßnahmen gegen Flughäfen.

          Scheitern einer berühmten Sympathisantin

          Er bezeichnet den Ausbau des Flughafens Heathrow als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und plante, Drohnen über das Flugfeld kreisen zu lassen, um so den Luftverkehr lahmzulegen. Weil dies als Gefährdung der Flugsicherheit angesehen wird, wurde er vor vier Wochen vorübergehend festgenommen. Nachdem er drei Tage später in Heathrow gesehen worden war und damit gegen eine Kautionsauflage verstoßen hatte, kam er abermals ins Gefängnis, wo er nun auf seinen Prozess am 14. Oktober wartet.

          Im Mai war Hallam von einem Londoner Gericht vom Vorwurf des Vandalismus freigesprochen worden, nachdem er in seiner alten Universität, dem King’s College, Wände mit der Forderung besprüht hatte, dass die private Hochschule nicht länger in Energieunternehmen investieren solle. Auch die meisten Aktivisten, die bei bisherigen Blockadeaktionen in London festgenommen worden waren, kamen schnell wieder auf freien Fuß.

          Vor einem Jahr besetzten Tausende Menschen Themse-Brücken und legten so den Verkehr in London lahm; 85 Demonstranten wurden damals verhaftet. Im April ließ XR mehrere Plätze in London zum Teil mehrere Tage lang besetzen. Die Polizei nahm damals mehr als 1100 Aktivisten vorübergehend fest. Die Bereitschaft, das Recht zu brechen, wird von XR nicht verlangt.

          Die konservative und bürgerliche Presse hegt wenig Sympathien für die Klimaschutzaktivisten von XR. Die „Daily Mail“ etwa bezeichnete sie als „Ecomaniacs“. Aber im linken „Guardian“ und auch unter Prominenten findet XR Zuspruch. Die britische Schauspielerin Emma Thompson wollte im April sogar unter jenen sein, die sich für den guten Zweck festnehmen lassen. Dafür flog sie eigens aus Los Angeles ein, wo sie ihren 60. Geburtstag gefeiert hatte – erreichte die Proteste aber zu spät. Als sie ein paar Wochen später in einer First-Class-Lounge in Heathrow (auf dem Weg zurück nach Amerika) gesichtet wurde, hatten die XR-Gegner ihre helle Freude.

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