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Proteste gegen den Papst : Das letzte Vorurteil

In Heiligenstadt freut man sich - anders als in Teilen Berlins - auf den Papst Bild: dpa

Die Deutschen lassen sich auch bei diesem Papstbesuch wieder nicht an Respektlosigkeit übertreffen. Dass manche Abgeordnete statt seine Rede zu hören jenen Leuten die Ehre geben wollen, die eine Art Homosexuellen-Parade abhalten wollen, macht das Maß des Peinlichen voll.

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          Auch wenn schrille Töne seit nunmehr drei Jahrzehnten fast überall auf der Welt zur medial verstärkten Begleitmusik nahezu jedes Besuchs eines Papstes gehören, so lassen sich die Deutschen auch diesmal wieder nicht an Respektlosigkeit übertreffen. Während des ersten und letzten Besuchs von Papst Johannes Paul II. in Berlin im Jahr 1996 flogen Farbeier ausgerechnet in Richtung desjenigen Mannes, der mit seinem Eintreten für die Menschenrechte wie kein Zweiter die Axt an die Wurzel des Kommunismus gelegt hatte. Nicht ganz so genau mit der Freiheit des Andersdenkenden nahmen es jene Männer, die sich damals dem Papst unbekleidet zu nähern versuchten.

          Sicher, das Lehramt der katholischen Kirche hält bis heute daran fest, dass Homosexualität nicht unbedingt die erfüllendste aller geschlechtlichen Neigungen ist; es hält es im Unterschied zu vielen evangelischen Kirchen mit der Bibel, wenn sie praktizierte Homosexualität als sündhaft ansieht. Doch wer die katholische Sexualmoral auf dieses Thema oder auch auf die Frage der Wahl von Methoden der Empfängnisverhütung reduziert, der geht an deren Kern vorbei, nämlich der Erfüllung des Lebens in wechselseitiger Liebe, Achtung und Ehre und dessen Weitergabe durch Offenheit für neues Leben. Er könnte es auch längst besser wissen, wenn er es denn wollte. Was Papst Benedikt in seinem ersten Lehrschreiben im Jahr 2005 über Gott, die Liebe und die Menschen geschrieben hat, ist bis heute auch im eigentlichen Sinn nahezu unerhört.

          Denn viele Zeitgenossen halten es mit der katholischen Kirche nicht anders als mutmaßlich rund hundert Abgeordnete, die nach eigenem Bekunden die Rede des Papstes an diesem Donnerstag vor dem Deutschen Bundestag boykottieren wollen: Sie halten es für unter der Würde ihres Mandates, sich das, was der Papst zu sagen hat, auch nur anzuhören. Dass manche stattdessen jenen Leuten die Ehre geben wollen, die nach Art einer Homosexuellen-Parade den Papst wissen lassen, was sie von ihm halten, macht das Maß des Peinlichen endgültig voll. Doch was wäre gewonnen, wenn die katholische Kirche und ihre Repräsentanten nicht mehr als Urheber alles Bösen in der Welt und als Projektionsfläche jedes noch so absurden Verdachts dienten? Die Welt verlöre das letzte Vorurteil.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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