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Protest in Südamerika : Nicht eine Frau weniger

Unter dem Motto „Nicht eine weniger“ gingen in Lima Zehntausende auf die Straße. Bild: Reuters

Brutale Morde an Frauen gehören in Südamerika zum Alltag. Gegen die Kultur der Straflosigkeit erhebt sich nun eine Welle des Protests auf dem ganzen Kontinent.

          Es sollte ein Tag der nationalen Mobilisierung gegen die Gewalt an Frauen in Peru sein. In Lima sowie zahlreichen weiteren Städten des Landes gingen am Samstag Zehntausende unter dem Motto „Ni Una Menos“ auf die Straße. Die Parole hat sich in den vergangenen Monaten in ganz Lateinamerika zu einem Aufruf entwickelt, der einen revolutionären Wandel der Lebens- und Alltagskultur fordert: ein Ende der auf dem gesamten Halbkontinent von Mexiko bis Feuerland vorherrschenden Macho-Unkultur.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der Slogan geht zurück auf die mexikanische Dichterin und Aktivistin Susana Chávez Castillo, die vor zwanzig Jahren in einem Gedicht gegen die Serie von Frauenmorden in ihrer Heimatstadt Ciudad Juárez gefordert hatte: „Ni una mujer menos, ni una muerte más“ (Nicht eine Frau weniger, nicht eine Tote mehr). Am 6. Januar 2011 wurde ihre Leiche im Stadtteil Colonia Cuauhtémoc in Ciudad Juárez gefunden. Sie wurde 36 Jahre alt. Nach Angaben der mexikanischen Behörden wurde Chávez Castillo nicht wegen ihres Einsatzes gegen Gewalt gegen Frauen umgebracht. Ihre Mörder wussten nicht, mit wem sie es zu tun hatten. Sie wurde erdrosselt und verstümmelt, „nur“ weil sie eine Frau und zur falschen Zeit am falschen Ort war.

          Massendemonstrationen gegen Gewalt gegen Frauen und gegen den Femizid hat es seit Juni 2015 in zahlreichen süd- und zentralamerikanischen Staaten gegeben. Die größte Kundgebung fand am 3. Juni 2015 in Buenos Aires mit rund 300.000 Demonstranten statt; am gleichen Tag gingen auch in Chile und Uruguay Zehntausende auf die Straße. Auslöser des Protests in Argentinien war eine Serie von brutalen Frauenmorden, die in den Wochen zuvor die Nation erschüttert und die Boulevardpresse zu drastischen Darstellungen veranlasst hatte. Seither hat es Massendemonstrationen auch von Bolivien über Brasilien und Kolumbien bis nach Mexiko gegeben.

          „Als Stücke von Fleisch“ präsentiert

          Und am Wochenende also Peru. In Lima gingen am Samstag mindestens 50.000 Demonstranten auf die Straße, weitere Zehntausende von Tacna im Süden bis Chiclayo im Norden des Landes. Auch in Peru gab es konkrete Auslöser für die Protestwelle, namentlich die Fälle von Cindy Arlette Contreras und Lady Guillén. In beiden Fällen gab es drastische Aufnahmen von Überwachungskameras beziehungsweise von Polizeifotografen, auf welchen die beiden jungen Frauen als Opfer brutaler Gewaltanwendung ihrer früheren Partner zu sehen waren. Und in beiden Fällen kamen die Täter mit ausgesprochen milden Strafen davon, die von männlichen Richtern verhängt wurden.

          Nach einem im vergangenen Jahr vom Amt des Ombudsmannes veröffentlichten Bericht wurden in 81 Prozent der Fälle, in denen Frauen unter den potentiell tödlichen Folgen der Gewaltanwendung ihrer Partner litten, keine wirksamen Maßnahmen zum Schutz der Opfer getroffen. 24 Prozent der Frauen, die sich nach den Gewaltakten an die Behörden gewendet hatten, wurden anschließend von ihren Partnern umgebracht.

          Die Menschen gingen in einem langen Zug durch Lima.

          Frauenministerin Ana María Romero kündigte in der vergangenen Woche ein Programm zum Training von Polizeibeamten an, um diese für Gewalt gegen Frauen zu sensibilisieren, dazu die Schaffung von Einrichtungen zur psychologischen Unterstützung sowie von fast 250 Frauenhäusern im ganzen Land für Opfer von männlicher Gewalt. Nach Angaben Romeros, die schon während der Präsidentschaft von Alejandro Toledo von 2001 bis 2006 das Amt der Frauenministerin bekleidet hatte, werden in Peru jeden Monat zehn Frauen ermordet, weitere zwanzig überleben die Tötungsversuche ihrer Partner mit schweren Verletzungen. „Wir haben es praktisch mit einem potentiell tödlichen Angriff pro Tag zu tun“, sagte Romero. Nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2013 liegt Peru weltweit auf dem traurigen dritten Rang der Länder mit der höchsten Zahl von weiblichen Opfern von Gewalt durch ihre Partner.

          Kurz nachdem Ministerin Romero am 28. Juli ihren Amtseid abgelegt hatte, trug sie einen heftigen Streit mit Kardinal Juan Luis Cipriani aus. Der Erzbischof von Lima hatte in einer Radioansprache die Frauen Perus dafür gescholten, dass sie Männer durch knappe Kleidung „zu Gewalt verleiten“ und ihnen vorgeworfen, sich „im Fernsehen als Stücke von Fleisch zu präsentieren“. Nach heftigen Vorwürfen der Ministerin und von Aktivistinnen entschuldigte sich der Kardinal.

          Polizistinnen regeln den Verkehr

          Dass der Gottesmann mit seiner Ansicht keineswegs allein dasteht, zeigt das am Samstag von der Zeitung „El Comercio“ veröffentlichte Ergebnis einer Ipsos-Meinungsumfrage. Danach sind 53 Prozent der im Großraum Lima Befragten der Ansicht, dass eine Frau im Minirock allein oder teilweise verantwortlich ist, wenn sie das Opfer von Gewalt wird. Sogar 76 Prozent äußern die Ansicht, eine Frau sei für die durch ihren Partner erlittene Gewalt ganz oder teilweise verantwortlich, wenn sie untreu war. Auf der anderen Seite äußerten 95 Prozent ihre Unterstützung für den Marsch „Ni Una Menos“, und 70 Prozent zeigten sich zuversichtlich, dass der Protest zu einer Reduzierung der Gewalt gegen Frauen beitragen werde.

          Ob der Tag der nationalen Mobilisierung tatsächlich eine Zeitenwende und den Beginn eines Kulturwandels in Peru einleiten wird, steht dahin. An der Kundgebung nahmen auch Hunderte Polizistinnen teil. In Peru gehören weibliche Polizisten zum Alltag, sie sind aber vor allem zur Zähmung des Straßenverkehrs im Einsatz und nur selten in Abteilungen, die sich mit Gewalt gegen Frauen befassen.

          Eine Polizistin solidarisierte sich mit den Protestlern.

          Der neue Präsident Pedro Pablo Kuczynski und dessen Frau Nancy Lange nahmen an dem Marsch zum Justizpalast in der kolonialen Altstadt von Lima teil. „Wir setzen uns für eine Kultur des Friedens und der Toleranz ein. Nie wieder Gewalt gegen Frauen und Kinder“, sagte der Präsident. Oppositionsführerin Keiko Fujimori blieb dem Marsch dagegen fern. Sie fand, der gute Anlass sei politisch instrumentalisiert worden.

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