https://www.faz.net/-gpf-pkfr

Prominente Studenten : Als die Sechziger noch jung waren

  • -Aktualisiert am

Immatrikulationsunterlagen von Hans Eichel Bild: Reproduktion Christian Thiel

Studienbewerbungen im Archiv der FU Berlin erzählen Geschichten einer hoffnungsvollen Generation: Die Immatrikulationsakten von Hans Eichel, Rudi Dutschke, Otto Schily oder Gudrun Ensslin sind Dokumente des Aufbruchs - und Blütenträume.

          3 Min.

          Otto Hahn machte hier eine Entdeckung, welche die Welt veränderte: Im Reaktorraum des früheren Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik gelang ihm 1938 die erste Kernspaltung. Heute dient der Raum dem Archiv der Freien Universität Berlin als Endlager für seine Immatrikulationsakten. Es stapeln sich dort die Studienbewerbungen mehrerer Generationen von Weltveränderern. Jede einzelne Immatrikulationsakte ist Zeugnis eines hoffnungsvollen Aufbruchs.

          Unter dem Motto „Zukunft von Anfang an“ eröffnet die FU Berlin in der kommenden Woche eine große Wissenschafts- und Geschichtsausstellung. Die Universitätsgründung ging 1948 von Studenten aus, die nach den bitteren Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur eine abermalige Gleichschaltung der Berliner Universität Unter den Linden ablehnten.

          Beschauliche Blütenträume

          Zwanzig Jahre später ereiferte sich auf dem Dahlemer Campus eine andere Generation genau für jene Weltveränderungsdoktrin, vor der sich ihre Vorgänger in den späten vierziger Jahren mit Grausen abgewandt hatten. Vor dem Ausbruch der wilden sechziger Jahre aber reiften an der FU eher beschauliche Blütenträume. Die Generation, die derzeit ins Rentendasein gleitet, stand damals noch am Anfang ihres Weges. Über jeden dieser Anfänge erzählen die Akten des Universitätsarchivs kleine Geschichten aus dem vergangenen Jahrhundert.

          Rudi Dutschke 1961

          Günter Rexrodt , Jahrgang 1941, kam 1960 aus der DDR nach West-Berlin. „ Mein Vater “, schrieb er in seiner Bewerbung, „ hatte in der Weimarer Republik längere Zeit das Amt des Reichsgeschäftsführers der Deutschen Demokratischen Partei inne und war deshalb nach 1933 lange arbeitslos. Nach 1945 betätigte er sich zuerst in der SBZ, mußte 1952 aber fliehen und lebt heute ebenfalls hier in Berlin .“

          Der Sohn Rexrodt begann 1961 an der FU ein Betriebswirtschaftsstudium, nachdem er in Dresden keine Universitätszulassung erhalten hatte. „ Meine Bewerbung richte ich an die Freie Universität Berlin, weil ich annehme, daß mir gerade diese Universität das richtige Rüstzeug für mein Leben geben kann.“

          Peter Porsch aus Wien, Jahrgang 1944, kam 1968 nach Berlin und floh 1973 in die DDR. Porsch wurde 1970, während er an der FU über „extraverbale Kommunikationsformen“ promovierte, auch in Ost-Berlin eingeschrieben: mit Registriernummer und Decknamen bei der Hauptverwaltung Aufklärung der Stasi.

          Die schwäbische Pfarrerstochter Gudrun Ensslin , Jahrgang 1940, zog es 1964 zum Germanistikstudium nach Berlin. In ihrer Studienbewerbung hob sie besonders ihre Zeit als Austauschschülerin in Pennsylvania hervor. „ Mein Interesse galt vorwiegend der gesellschaftlichen Struktur und ihren Funktionen, wie sie sich in einer mittelgroßen nordamerikanischen Stadt zeigen, die - bei aller Vorsicht - für einigermaßen repräsentativ gehalten werden darf. Meine Beobachtungen und Erfahrungen führten zu einer erweiterten und sicher zutreffenden Beurteilung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung und Lage Westdeutschlands.“

          Benno Ohnesorg , Jahrgang 1940, begründete seinen Studienwunsch mit der negativen Berufserfahrung als „Schaufenstergestalter“. Nach einer Rundreise „per Auto-stopp“ durch Großbritannien, Frankreich, Spanien, Marokko und Italien kam er 1965 an die FU, um Romanistik und Germanistik zu studieren.

          Auch Gesine Schneider , später Gesine Schwan , Jahrgang 1943, begann hier 1962 aus Zuneigung zur französischen Sprache ihr Romanistikstudium. Rüdiger Safranski , Jahrgang 1945, schrieb zur Begründung seines Wunsches, an der FU Philosophie zu studieren: „I ch hatte das Glück, gute Lehrer, vor allem in den Fächern Griechisch, Deutsch und Geschichte, zu haben, durch deren Einfluß ein über das Fachliche hinausgehendes Interesse bei mir geweckt wurde. Mein Berufsziel ist jetzt natürlich noch nicht eindeutig bestimmt. Ich erwäge, Gymnasiallehrer zu werden oder - was ich mehr erhoffe - später einmal als Publizist tätig zu sein.“

          Den gleichen Wunsch hegte Walter Momper : „ Für eine wissenschaftliche Laufbahn bin ich nicht geeignet, es liegt mir mehr, aktiv am Leben und der Gegenwart meines Volkes zum Beispiel als Journalist mitzuarbeiten.“

          Elke Riegert , später Elke Heidenreich , hielt die FU für den idealen Ort, um sich auf den Beruf einer Theaterkritikerin vorzubereiten. Neben ausgezeichneten Professoren der Theaterwissenschaft biete die Stadt „ wegen der Vielzahl guter Theater zugleich theoretisch als auch praktisch" alle Möglichkeiten der Berufsvorbereitung. Darüber hinaus habe ich Berlin und seine großartigen Bewohner auf vielen Besuchen gründlich kennen- und schätzengelernt, und es wäre für mich wirklich eine große Freude, dort leben zu dürfen und von dem Idealismus und der bewundernswerten Haltung der Berliner im ständigen Anblick von Not und Unrecht etwas lernen und weitergeben zu können.“

          Die Immatrikulationsakte von Otto Schily , Jahrgang 1932, ist leer. Sie enthält lediglich eine Urkunde über die Akademischen Bürgerrechte der FU. Seine übrigen Bewerbungsunterlagen liegen bei der Bundesanwaltschaft, die sie 1976 eingezogen hatte, als Schily im Stuttgarter RAF-Prozeß Gudrun Ensslin verteidigte.

          Sein Kabinettskollege Hans Eichel studierte 1963/64 an der FU Germanistik und am Institut für Soziologie den „Gesellschafts- und Staatsbegriff von Karl Marx“. Er wolle die „Hintergründe der politischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West“ aus nächster Nähe kennenlernen, hieß es in seiner Bewerbung, an deren Ende ein Loblied auf das Berliner Kulturleben stand: „ Während einer Dichterlesung Ende Juni konnte man gleich acht namhafte deutsche Autoren persönlich erleben, ich verbinde nun mit ihren Namen eine bestimmte Vorstellung und finde so ein besseres Verhältnis zu ihren Werken .“

          Weitere Themen

          „Hier steht das Original“

          Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

          Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.

          Topmeldungen

          Gefeiert wie ein Popstar: Heinz-Christian Strache am Donnerstagabend in Wien.

          Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

          Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.

          Überfüllte Kliniken in China : Ein Patient alle drei Minuten

          Überfüllte Kliniken, gewalttätige Angehörige, Arztkosten als Existenzbedrohung, Menschen, die sich selbst ein Bein amputieren – und nun auch noch ein unbekannter Virus: In China sollte man besser nicht krank werden.
          Jürgen Klopp nach dem Sieg des FC Liverpool bei den Wolverhampton Wanderers

          Premier League : Liverpool marschiert weiter Richtung Titel

          Auch in Wolverhampton behält Jürgen Klopp mit dem FC Liverpool eine weiße Weste. Ein früherer Bundesliga-Spieler macht den entscheidenden Treffer. Für die „Reds“ ist es der 22. Sieg im 23. Spiel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.