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Privatsphäre : Nichts mehr zu verbergen

Zeit für die Tochter: Frankfurts Oberbürgermeister Feldmann Bild: dapd

Politiker geben ihr Privatleben preis - aber vor allem das Ende der Privatheit macht sie erpressbar.

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          Was ist nur mit den Politikern los? Der neue Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann lässt gleich zu Beginn seiner Amtszeit zahlreiche Empfänge aus und will zwei Abende in der Woche bei seiner Tochter sein. Bundesumweltminister Altmaier öffnet seine Gemächer und philosophiert über seinen Beziehungsstatus. Die Abgeordneten Wolfgang Bosbach (CDU) und Christian Ströbele (Grüne) geben ihre Krankheiten preis, um zugleich zu betonen, dass das eigentlich Privatsache sei.

          Derlei kommt an. Jedenfalls glauben das die Politiker. Im Post-Guttenberg-Zeitalter soll nicht mehr die Inszenierung entscheiden, sondern Authentizität. Nur mache man sich nichts vor: Zum einen war auch Guttenberg auf seine Art authentisch. Und auch Lockerheit und Privatheit wollen ausgestellt sein. Ohne Beobachter und Transporteure erfährt niemand vom ungezwungenen, schicksalhaften, natürlichen Leben. Und seinen Wechselfällen: Sigmar Gabriel musste 52 Jahre alt und Vater werden, um zu entdecken, dass man sich manche Sitzung auch sparen kann.

          Authentischer als früher sind Politiker deshalb nicht. Nur wird Privates mehr nach außen gekehrt. Oder es wird als privat gezeigt, wie sich der Wähler den Politiker als Privatmann vorstellen soll. Natürlich war es auch im analogen Zeitalter schon wichtig, wie man sich verkauft. Dass Staatsmänner neben dem Tagesgeschäft an ihrem (Nach-)Ruhm arbeiten, ist nicht erst seit Cäsar bekannt. Doch während der Feldherr und Diktator vornehmlich mit seinem glänzend geschriebenen „Gallischen Krieg“ seine vermeintlichen Heldentaten preisen konnte, stehen heute zahlreiche Rohre zur Verfügung, aus denen der mitteilungsbedürftige Politiker feuern kann. Es gibt freilich auch viele Kanoniere. So beglückte Peter Altmaier, nachdem er Twitter entdeckt hatte, die Öffentlichkeit mit Kurzfassungen seiner alltäglichen Verrichtungen. Er musste aber auch schon lernen, dass der Kanal schnell voll sein kann.

          Werden Parteien und Programme unwichtiger?

          Nun gilt Altmaier keineswegs als arbeitsscheu. Mitunter fragt man sich aber doch, ob gerade in dieser schnelllebigen Zeit, deren Sinnbilder die Finanzkrise und die Euro-Rettungspolitik sind, nicht etwas mehr Zeit auf das Verstehen und Durchdringen von Problemen aufgewendet werden müsste (das gilt auch für die Medien) als auf die Darstellung von Banalitäten. Hier mag ein Grund für die Forderung des Bundespräsidenten Gauck liegen, die Politiker müssten Europa besser erklären. Gauck findet, wiewohl selbst von (Foto-)Termin zu Termin eilend, noch die Muße dazu. Natürlich hat jeder seinen Stab, der Minister verfügt über einen großen Apparat. Wenn er seine Leute gut auswählt und sein Ressort ordentlich organisiert, dann läuft der Laden.

          Und es stimmt ja: Der Politiker ist der repräsentative und austauschbare Kopf an der Spitze. Er tritt auf und verkauft. Von Übel ist aber, wenn er nur noch verkauft und wenn man nicht mehr recht weiß, was überhaupt im Angebot ist und was zur Auswahl steht. Das aber wird offenbar immer weniger wichtig. Denn auf vielen Feldern unterscheidet sich das Angebot nicht besonders.

          Der zunehmende Selbstverkauf und das Bloßstellen des eigenen Intimlebens sind weitere Zeichen dafür, dass Parteien und Programme unwichtiger werden - die Person entscheidet. Das gilt auch für den Frankfurter Oberbürgermeister, der aber vom üblichen Weg der Inszenierung abweicht. „Werden Sie das Gesicht Frankfurts“, hatte ihm seine Vorgängerin noch zugerufen. Doch er zeigt sein Gesicht nicht, jedenfalls nicht in der gewohnten Häufigkeit auf den üblichen Empfängen. Er will, so sagt er, die 99 Prozent der Bürger repräsentieren, die sich ausgegrenzt fühlten, also jene, die nicht dauernd zwischen Weiß- und Rotwein und diversen Häppchen wählen müssten. Das ist in der Tat ein neuer Ansatz, der aber erst einmal bekannt gemacht sein will.

          Die Bürger wollen eine bestimmte Politik mit einem Kopf verbinden. Gerade in Zeiten verstärkter Bürgerbeteiligung, von „liquid democracy“ und Forderungen nach mehr direkter Demokratie besteht immer noch das archaische Bedürfnis nach Heldenverehrung. Und was machen die Helden? Sie versuchen, da kaum noch etwas privat ist, durch die gezielte Preisgabe von höchst Privatem die Hoheit über ihre eigenen Dinge zu behalten - und damit zugleich die eigene Stellung in der Res publica zu stärken.

          Dass das Private politisch sei, war ein zentrales Dogma der Achtundsechziger. Diese Forderung ist heute mehr als erfüllt. Es ist nur mit besten Kontakten oder nachträglich mit Anwälten und Gerichten möglich, die eigene Privatsphäre zumindest teilweise wieder herzustellen. Doch wer das tut, ruiniert seinen Ruf. Wer nicht alles von sich zeigt, gilt schnell als Spießer oder gleich als korrupt. Nun wenden selbst Politiker ein, die Öffentlichkeit müsse alles erfahren, jedenfalls alles, was erpressbar machen könnte. Dabei macht vor allem das Ende der Privatheit erpressbar. Der hat etwas zu verbergen? Ja hoffentlich, so sollte es sein.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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