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Prager Frühling : „Jeder Panzer eine Faust, die in Bonner Pläne saust“

  • -Aktualisiert am

Sowjetische Kettenfahrzeuge rollten durch Frauenstein Bild: Werner Ullmann

Im August 1968 diente Sachsen den Sowjets als Aufmarschraum zur Niederschlagung des „Prager Frühlings“. Ulbricht, der Moskau sehr zu Diensten sein wollte, ließ die Propagandamaschinerie auf Hochtouren laufen.

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          Kurt Fischer ist zwar schon lange in Rente. In seinem kleinen erzgebirgischen Heimatort Frauenstein direkt an der tschechischen Grenze heißt er aber noch heute der „Radio-Fischer“. Viele Jahre lang hatte Fischer ein Radiogeschäft. Im Frühjahr und Sommer 1968 saß er deshalb - zudem durch die Höhenlage Frauensteins begünstigt - direkt an der Quelle: Er konnte ohne Schwierigkeiten Radio- und Fernsehprogramme aus dem Westen empfangen. „Ich wusste alles über die Reformbewegung in der CSSR.“ Er sympathisierte mit der Idee eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          „Lasst uns in Frieden arbeiten“

          Vielen dies- und jenseits der Grenze war klar, dass Sachsen wegen seiner geographischen Lage große Bedeutung für einen Einmarsch in die Tschechoslowakei hat. In Vejprty (Weipert), das gegenüber von Bärenstein liegt, malten Einwohner kurz vor dem Einmarsch Losungen wie „Wir stehen hinter Dubcek!“ oder „Lasst uns in Frieden arbeiten“. Die DDR-Staatssicherheit war im Rahmen einer Aktion mit dem Code-Namen „Sauberkeit“ schwer damit beschäftigt, solche „Hetzlosungen“ zu beseitigen. Illegal rückten Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi auf das Territorium des Bruderstaats vor, um etwa auf der tschechischen Seite von Sebnitz auf einem Dach „1939 Hitler - 68 Ulbricht“ zu überstreichen. An einem einzigen Augusttag hat die Stasi 28 Parolen auf tschechischem Gebiet entfernt, wie sie in ihren Akten zufrieden feststellte.

          „Wir dachten, jetzt kommt der Dritte Weltkrieg”

          Bedrohlich näher rückendes Kettengerassel weckte Kurt Fischer in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968. Unter dem Fester seines Hauses in Frauenstein brüllten kurz darauf die Panzermotoren. Die Auspuffrohre stießen schwarze Rauchwolken aus. Die Ketten sprühten auf dem Kopfsteinpflaster Funken. „Wir dachten, jetzt schreiten auch die westlichen Alliierten ein, und jetzt kommt der Dritte Weltkrieg.“

          Konterrevolution in der CSSR

          Gemeinsam mit ihren treuesten Vasallen im Warschauer Pakt erörterte die sowjetische Führung unter Breschnew schon seit vielen Monaten den Plan, militärische Gewalt gegen die Tschechoslowakei anzuwenden. Doch zunächst setzte die Fünfer-Koalition aus Bulgarien, Polen, Ungarn, der DDR und der Sowjetunion auf Gegenpropaganda und massive Einschüchterung. Schon in dieser Phase spielte Sachsen eine wichtige Rolle: Im März 1968 fand in Dresden eine „Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien“ statt. Auf dem als ,Dresdner Tribunal' in die Geschichte eingegangenen Treffen wurden die tschechoslowakischen Reformer das erste Mal verwarnt.

          DDR-Staatschef Ulbricht mahnte als Leiter der Sitzung: „Unser Todfeind, der Imperialismus, schläft nicht.“ Anders als die SED sei die tschechoslowakische KP ideologisch nicht gefestigt. Die SED habe aus dem 17. Juni 1953 gelernt. In Dresden legten sich die „Bruderstaaten“ darauf fest, dass in der CSSR eine Konterrevolution ausgebrochen sei, was schließlich im August als Begründung für den Einmarsch galt. „Die spätere Breschnew-Doktrin von der eingeschränkten Souveränität der sozialistischen Staaten wurde in Dresden erstmals offenbar“, sagt der Historiker Konstantin Hermann, der vor kurzem ein Buch unter dem Titel „Sachsen und der Prager Frühling“ veröffentlicht hat.

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