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Weltkriegs-Gedenken : Eine historische Wende in Prag

  • -Aktualisiert am

Prager Bürger begrüßen sowjetische Panzer im Mai 1945. Bild: Picture-Alliance

Nur durch massiven Druck hat sich der tschechische Präsident Zeman davon abhalten lassen, an der Militärparade in Moskau teilzunehmen. Das Gedenken an das Kriegsende ist in seinem Land immer noch heftig umkämpft.

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          In den Wochen und Monaten vor dem 70. Jahrestag des Kriegsendes wurde in der Tschechischen Republik vor allem über eines diskutiert: über die Agenda des Präsidenten Miloš Zeman. Erst massiver innenpolitischer Druck seitens der sozialdemokratisch dominierten Regierung und der konservativen Opposition konnte ihn davon abbringen, an Putins Siegesparade an diesem Samstag auf dem Roten Platz teilzunehmen.

          In der Nato und in der EU hatte Zemans Plan die Zweifel an der  Zuverlässigkeit der Tschechen verstärkt, die der Präsident mit seinen Äußerungen zum Krieg in der Ukraine – ein „Bürgerkrieg“, in den Russland „hineingezogen“ werden könnte – sowie mit seiner Kritik an den Sanktionen der EU provoziert hatte. Jetzt steht fest, dass Zeman zwar, um sein Gesicht zu wahren, am 9. Mai nach Moskau pilgern wird.

          Er will dort aber der Siegesparade fernbleiben und sich statt dessen mit dem slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico, einem weiteren Putin-Versteher aus der ehemaligen Tschechoslowakei, über „Fragen der Verkehrsinfrastruktur“ unterhalten. Gemeinsam nehmen beide dann an der Kranzniederlegung für die sowjetischen Gefallenen teil. Am Abend wird der tschechische Präsident von Putin zu einem einstündigen Gespräch empfangen, bei dem er sich, wie sein Sprecher sagte, auch zur Ukraine äußern werde – falls ihn Putin danach fragen sollte.

          Tschechen misstrauen Putin

          Zeman kann allerdings schwerlich behaupten, die Tschechen stünden hinter ihm. Aus einer in diesen Tagen veröffentlichten Umfrage geht hervor, dass 63 Prozent seine Beschwichtigungspolitik ablehnen. 68 Prozent fürchten die Umtriebe des russischen Geheimdienstes in ihrem Land und 61 Prozent einen Angriff Russlands auf die baltischen Republiken. 54 Prozent halten Russland für nicht besser als die frühere Sowjetunion, und 71 Prozent geben Putin die schlechteste Note unter neun Staatsmännern der Gegenwart und der Vergangenheit. Nur Stalin schnitt in der Umfrage mit 77 Prozent noch schlechter ab.

          Umstrittene Reise: der tschechische Miloš Zeman am Freitag bei seiner Ankunft in Moskau

          Für die Tschechen markiert der 8. Mai 1945 in mehrfacher Hinsicht eine historische Wende. Im Westen hielten die Amerikaner an der Demarkationslinie an, die von Wismar bis Triest reichte und Westböhmen durchschnitt: Eger (Cheb) wurde am 27. April von General Pattons 3. Armee besetzt, Pilsen am 6. Mai. Indes verzögerte sich der sowjetische Vormarsch in Mähren. Am 26. April nahm die Rote Armee Brünn (Brno) ein, am 30. April Mährisch-Ostrau (Ostrava), am 6. Mai Olmütz (Olomouc). In Prag hatte die tschechische Widerstandsbewegung in der Erwartung, sie würde ihr sogleich zur Hilfe kommen, ihren Aufstand begonnen. Aber nicht die Rote Armee verhinderte eine Schlacht um Prag und ein Blutbad der Waffen-SS, sondern die vor der Stadt lagernde Wlassow-Armee, die zuvor an deutscher Seite gekämpft hatte.

          Jagd auf die verbliebenen Deutschen

          Erst am 9. Mai rollten die sowjetischen Panzer in das bereits befreite Prag ein und walzten gerade noch die Nachhut der abziehenden Deutschen nieder. In Prag hatte bereits die Jagd auf die verbliebenen Deutschen begonnen, mit der die „wilden Vertreibungen“ aus Böhmen begannen. Präsident Edvard Beneš und die neue Regierung der Nationalen Front, der die Kommunisten angehörten, setzte die ersten Schritte auf dem volksdemokratischen Weg in den Sozialismus.

          Anders als in den Nachbarländern zogen sich die sowjetischen Truppen zum Jahresende aus der Tschechoslowakei zurück. Zurück blieben sowjetische „Berater“,  die der Nationalen Front bei der Realisierung ihres national-revolutionären Programms zur Seite standen. Mit der Enteignung und Entrechtung der Deutschen und der Magyaren sowie der Nationalisierung eines großen Teils der Wirtschaft wurden die Weichen zur Machtergreifung der Kommunisten im Februar 1948 gestellt. Das Kriegsende befreite Tschechen und Slowaken von Hitler und seinen Quislingen. Auf den Weg in die nächste Knechtschaft machten sie sich aus freien Stücken.

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