https://www.faz.net/-gpf-osit

Muammar al Gaddafi : Wandlungsfähig

  • -Aktualisiert am

Muammar Al-Gaddafi (2003) Bild: EPA

Das Operettenhafte ist ihm bis heute geblieben; dennoch ist er alles andere als ein Graf Danilo der arabischen Welt. Seine oft bizarren Auftritte in der Öffentlichkeit, verbunden mit folkloreartigen Verkleidungen, welche „Identität“ demonstrieren sollen, sind tiefernst gemeint. Jetzt ist er, nicht zuletzt durch den Besuch des britischen Premierministers Blair, auch international wieder akzeptiert.

          2 Min.

          Das Operettenhafte ist ihm bis heute geblieben; dennoch ist er alles andere als ein Graf Danilo der arabischen Welt. Seine oft bizarren Auftritte in der Öffentlichkeit, verbunden mit folkloreartigen Verkleidungen, welche „Identität“ demonstrieren sollen, sind tiefernst gemeint. Seit 1969 hat Muammar al Gaddafi auf dem Feld der Politik die Welt in Atem gehalten, und zwar den von ihm nicht gerade geliebten Westen ebenso wie seine arabischen Nachbarn. Es gibt so schnell keine - wirkliche oder vermeintliche - Befreiungsbewegung, die er in seiner Karriere nicht schon unterstützt hätte, zwischen Amerika und den Philippinen. Viele Jahre einer der Anreger terroristischer Untaten, war er selbst im Jahre 1986 - nach dem Anschlag auf das „La Belle“ in Berlin - Opfer eines schmerzhaften amerikanischen Bombenangriffs auf seine Person. Danach verband man vor allem die Bluttat von „Lockerbie“ mit seinem Namen. Auf seine alten Tage scheint Gaddafi jedoch immer mehr zu einer Persona grata seiner einstigen westlichen Feinde zu werden.

          Dies wäre der vorläufig letzte politische Schwenk des 1942 geborenen libyschen Beduinen, der Geschichte studierte und seit 1963 in der Armee einen unaufhaltsamen Aufstieg nahm. Als junger Offizier wurde er glühender arabischer Nationalist, ein Anhänger des ägyptischen Präsidenten Nasser, dem damals in allen Landen die Herzen der arabischen Massen zuflogen. 1969 erlebte er den Höhepunkt im Leben, von dem Friedrich Schiller sagt, man sei dabei „dem Weltgeist näher als sonst“: Am 1. September stürzte er in einem Militärcoup den greisen König Idriss von der Bruderschaft der Senoussi. Drei Monate später heiratete er.

          Seither hat „Bruder Oberst“ als Revolutionsführer in Libyen selbst auch manches Positive bewirkt (vor allem, solange die Ölgelder noch üppiger strömten). Sein islamisch gefärbter „Authentizismus“ verweigert sich gleichwohl den Islamisten, die in Libyen nie nach vorne kamen. Lange blieb Nasser sein Idol, setzte er dessen arabisch-revolutionären Weg mit der Unterstützung von Hilfstruppen und Geld in der Nachbarschaft fort: in der Westsahara, in Tschad, im Libanon, um nur diese Länder zu nennen. Arabisches, Islamisches und Anleihen beim „tiers-mondisme“ fügten sich im Grünen Buch zur Ideologie seiner „Volksdschamahirija“, in der die spontanen Massen freiwillig den Beschlüssen der Führung zustimmen müssen. Der Ostblock, als es ihn noch gab, war Gaddafi lange näher als der Westen, doch blieb dieser politische Derwisch auch den Kommunisten suspekt. Man wahrte das Pathos der Distanz. Von seinen Arabern sowie vom revolutionären Islam Marke Chomeini enttäuscht, vollführte Gaddafi die nächste Volte: In den vergangenen Jahren wollte er ganz authentischer Afrikaner sein. Sein visionärer Blick erfaßte den gesamten riesigen Kontinent von Bizerta bis zum Kap der Guten Hoffnung. Doch auch die afrikanischen Bäume Gaddafis wuchsen nicht in den Himmel. Seit einiger Zeit nun rückt er dem Westen beharrlich näher, durch klimatische Verbesserungen und manche Zugeständnisse in Sachen Aufarbeitung des Terrorismus. Dabei helfen ihm auch die Söhne. Der Jüngere ging sogar so weit nach Westen, daß er sich vorübergehend als Fußball-Profi in Italien verdingte.

          Weitere Themen

          Trudeaus Liberale gewinnen Kanada-Wahl

          Prognosen : Trudeaus Liberale gewinnen Kanada-Wahl

          Premier Justin Trudeau hatte Neuwahlen ausgerufen, um in Kanada mit absoluter Mehrheit regieren zu können. Ersten Ergebnissen zufolge haben seine Liberalen die Wahl gewonnen – doch ob es für mehr als die Hälfte der Mandate reicht, blieb zunächst unklar.

          Topmeldungen

          Justin Trudeau, Parteivorsitzender der Liberalen, wird den Prognosen nach Premierminister von Kanada bleiben.

          Prognosen : Trudeaus Liberale gewinnen Kanada-Wahl

          Premier Justin Trudeau hatte Neuwahlen ausgerufen, um in Kanada mit absoluter Mehrheit regieren zu können. Ersten Ergebnissen zufolge haben seine Liberalen die Wahl gewonnen – doch ob es für mehr als die Hälfte der Mandate reicht, blieb zunächst unklar.
          Muss in der letzten Wahlkampfwoche noch Boden gutmachen: Armin Laschet

          F.A.Z. Frühdenker : Laschet bläst zur Aufholjagd

          Merkel und Laschet treten zusammen auf, für jüngere Kinder könnte es Anfang kommenden Jahres einen Impfstoff geben, die Gaspreise steigen und Klimaaktivisten sind weiter im Hungerstreik. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z. Newsletter.
          Frank Plasberg wollte anhand von Leitfragen die Unterschiede zwischen den Parteien deutlich machen.

          TV-Kritik Hart aber fair : Die Nato wird wohl nicht aufgelöst

          Frank Plasberg hat sich kurz vor der Wahl etwas Besonderes ausgedacht. Mit Leitfragen will er die Unterschiede zwischen den Parteien deutlich machen. Doch am Ende entgleitet es ins Aberwitzige.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.