https://www.faz.net/-gpf-7ivls

Zum Tode von Tadeusz Mazowiecki : Auf Ausgleich bedacht

Der Tag des Triumphs: Tadeusz Mazowiecki am 24. August 1989 im Sejm Bild: Eastway

Polen trauert um Tadeusz Mazowiecki. Der Politiker, der 1989 der erste nichtkommunistische Ministerpräsident des Landes war, starb am Montag. Er hatte so viel Anteil wie nur wenige daran, dass Polen heute ein freies Land in einem freien Europa ist.

          4 Min.

          Im Juli 1989 veröffentliche Tadeusz Mazowiecki einen Artikel unter einer Überschrift, mit der man ihn selbst charakterisieren könnte: „Beeile dich langsam“. Mazowiecki sprach stets bedächtig, wog das Für und Wider jedes Argumentes sorgfältig ab, bevor er handelte, bewegte sich vorsichtig voran. In dem Artikel bezog er Position in einer Diskussion, die in der polnischen Opposition in jenen Wochen mit großer Leidenschaft geführt wurde: Soll die Gewerkschaft Solidarność sich an einer Regierung beteiligen oder nicht?

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Dass sich diese Frage überhaupt stellte, zeigte, welche ungeheuren Veränderungen in Polen damals vorgingen. Während in den realsozialistischen Nachbarländern die Macht der kommunistischen Herrscher noch ungebrochen schien, hatten sich die polnischen Kommunisten von dem Schlag nicht mehr erholt, den ihr die Volksbewegung Solidarność in den Jahren 1980/81 zugefügt hatte. Die Verhängung des Kriegsrechts Ende 1981 konnte die Erosion der kommunistischen Macht in Polen nur verlangsamen, nicht stoppen. Unter dem Eindruck einer Welle von Streiks hatte sich die Staats- und Parteiführung um den Kriegsrechtsgeneral Wojciech Jaruzelski im Frühjahr 1989 darauf eingelassen, mit der Solidarność-Führung über wirtschaftliche und politische Reformen zu verhandeln. Ein Ergebnis dieser Gespräche waren halbfreie Wahlen am 4. Juni 1989, die für Solidarność mit einem Triumph und die Kommunisten mit einem Debakel endeten.

          Erster demokratischer Ministerpräsident Polens

          Ein Teil der Solidarność-Führer zog aus diesem Ergebnis den Schluss, dass die Opposition von den Polen den Auftrag bekommen hatte, nach einer Beteiligung an der Macht zu streben – auch wenn eine Regierung ohne Kommunisten angesichts der außenpolitischen Umstände nicht denkbar war. Adam Michnik, seit den Ende der sechziger Jahre einer der wichtigsten Köpfe der demokratischen Opposition, fand dafür eine Kompromissformel, in der die Konfrontation des „wir“ gegen „sie“ widerhallte, in der sich Volk und Machthaber bis dahin gegenüber standen: „Unser Premier, euer Präsident“. Jaruzelski sollte Staatsoberhaupt bleiben, wenn dafür die Regierungsmacht in die Hände der Solidarność gelegt würde.

          Tadeusz Mazowiecki sprach sich dagegen aus – seiner Ansicht nach war die Opposition darauf nicht ausreichend vorbereitet und lief Gefahr, für Missstände verantwortlich gemacht zu werden, an denen sie keine Schuld trug. Fünf Wochen nach der Veröffentlichung des Artikels, am 24. August 1989, wurde Tadeusz Mazowiecki vom Sejm zum ersten demokratischen Ministerpräsidenten Polens seit der kommunistischen Machtergreifung nach dem Zweiten Weltkrieg gewählt.

          Solidarność-Führer Lech Walesa hatte dem Parlament Mazowiecki vorgeschlagen, weil dieser immer auf Ausgleich bedacht und damit für reformbereite Kommunisten und Blockparteien akzeptabel war. Der 1927 geborene Mazowiecki gehörte zu einer Strömung des polnischen Katholizismus, die lange versuchte, in dem von den Machthabern gestatteten Rahmen für ihre christlichen Werte einzutreten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Er gibt weiter die Richtung vor: Markus Söder am Donnerstag mit Melanie Huml.

          Test-Panne in Bayern : Söders Grenzen

          Der CSU-Ministerpräsident schüttelt sich kurz. Dann ist Bayern wieder spitze. War etwas? Zum ersten Mal in seiner Amtszeit könnte Markus Söder Bayern als Heimat tatsächlich groß genug sein.
          „Das Eis ist gebrochen“: Trump erhält im Weißen Haus Applaus von Mitarbeitern zu dem Abkommen.

          Israel und Arabische Emirate : Es geht um eine Allianz gegen Iran

          Ein doppelter Gewinn für Netanjahu: Israel nimmt diplomatische Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten auf und setzt dafür eine Annexion aus, die ohnehin heikel war. Doch auch andere profitieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.