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Zum Tod von Hansjoachim Tiedge : Überschätzter Überläufer

  • -Aktualisiert am

Der „Überläufer” Hansjoachim Tiedge 1990 im Garten seines Hauses im Ostberliner Wohnviertel Karolinenhof Bild: dpa

Im Alter von 74 Jahren ist der ehemalige Verfassungsschützer Hansjoachim Tiedge in der Nähe von Moskau gestorben. Der „Abwehrchef“ hatte sich 1985 in die DDR abgesetzt. Kurz vor der Deutschen Einheit brachte der KGB ihn in die Sowjetunion.

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          Die kurze Mitteilung schlug in Bonn wie eine Rakete ein. Ost-Berlins Nachrichtenagentur ADN gab am 23. August 1985 bekannt: „Der langjährig im Bundesverfassungsschutz der BRD für die Spionageabwehr verantwortliche Regierungsdirektor Hansjoachim Tiedge ist in die DDR übergetreten und hat um Asyl ersucht.“

          Der am 24. Juni 1937 in Berlin geborene Jurist, seit 1966 im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in der Abteilung Spionageabwehr und seit Anfang 1982 Leiter des Referats „Nachrichtendienste der DDR“, war schon am 19. August 1985 per Eisenbahn in die DDR übergelaufen.

          Der Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel übermittelte alsbald eine handschriftliche Erklärung Tiedges nach Bonn, wonach dieser „aus einer für mich ausweglosen persönlichen Situation, aber aus freien Stücken und auf Grund meiner eigenen Entscheidung in die DDR übergewechselt“ sei: „Ich bin nicht bereit, mit offiziellen Vertretern der Bundesrepublik oder mit Vertretern der Medien zu sprechen.“

          In Verhören konnte Tiedge sein Wissen über das BfV verraten. Das meiste davon wird dem MfS längst bekannt gewesen sein, zumal Markus Wolf und seine Leute bestens informiert waren durch den ebenfalls in Köln tätigen Oberamtsrat Klaus Kuron, der erst nach dem Untergang der DDR enttarnt und verurteilt wurde. Von ihm stammt die Bemerkung, „ein weißer Stock und eine schwarzgepunktete gelbe Binde“ hätten zur Grundausstattung im BfV gehört.

          BND-Chef Hellenbroich wurde zum Bauernopfer

          Ob Tiedges langjähriger Chef Heribert Hellenbroich, der erst am 1. August 1985 zum Präsidenten des BND in Pullach ernannt worden war, etwa zu den Blinden gehörte? Jedenfalls wurde Hellenbroich am 27. August als eine Art Bauernopfer in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Denn er wusste nachweislich von dem schweren Alkoholismus, den hohen Schulden und der unsteten Lebensführung Tiedges.

          Schnell machte in der Bundesrepublik die Einschätzung die Runde, das BfV stehe auf dem Gebiet der Spionageabwehr gegenüber der DDR vor einem Neuanfang. Von September 1985 an befasste sich auch ein von der SPD-Opposition beantragter Untersuchungsausschuss des Bundestags mehrere Monate mit dem „Fall Tiedge“.

          Flucht angekündigt - und verschoben

          In der DDR wurden damals der BfV-Agent Horst Garau und seine Ehefrau Gerlinde verhaftet – was laut Zeitgenossen und Historikern auf Hinweise Tiedges zurückgeführt werden müsse. Das bezweifelt jetzt Peter-Ferdinand Koch in seinem Buch „Enttarnt. Doppelagenten: Namen, Fakten, Beweise“ und stützt sich auf Unterlagen des amerikanischen Geheimdienstes CIA.

          Demnach habe Tiedge seine Flucht der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des MfS „zuvor angekündigt, denn er wollte sich bereits am 15. August 1985 in die DDR absetzen und hatte offiziell Urlaub beantragt. An diesem Tag wechselte Tiedge aber nicht die Seiten, doch die HVA rechnete fest mit seiner Ankunft für den 15. August, weshalb sie das für das BfV tätige Ehepaar Garau verhaften ließ. Die Festnahme sollte mit Tiedges Seitenwechsel erklärt werden. Tiedge kam allerdings erst vier Tage später.“ Nach CIA-Erkenntnissen habe Tiedge den Kontakt zur HVA „bereits Monate zuvor hergestellt“.

          Laut Koch trägt vielmehr Kuron die Verantwortung für die Enttarnung des Ehepaars Garau: Gerlinde wurde zu dreieinhalb Jahren, Horst zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Horst Garau kam am 12. Juli 1988 in der Haftanstalt Bautzen „unter mysteriösen, nie überzeugend geklärten Umständen“ (so Karl-Wilhelm Fricke) zu Tode, mit der DDR-offiziellen Version „Selbsttötung durch Erhängen“.

          1990 in die Sowjetunion ausgeflogen

          Kurz vor der friedlichen Revolution in der DDR wurde Tiedge, der sich nun Helmut Fischer nannte, im Mai 1988 an der Humboldt-Universität mit einer Dissertation über „Die Abwehrarbeit der Ämter für Verfassungsschutz in der Bundesrepublik Deutschland“ promoviert. Am 23. August 1990 flog ihn der KGB in die Sowjetunion aus. 1998 wollte der Verlag „Das Neue Berlin“ Tiedges Memoiren „Der Überläufer“ veröffentlichen. Manuskript und Druckunterlagen wurden jedoch auf Antrag des BfV beschlagnahmt.

          Als das Werk dann von Australien aus im Internet veröffentlicht wurde, lieferte der Verlag an den Buchhandel aus. Darauf erfolgte eine Anklage wegen Beihilfe zum Geheimnisverrat, die mit Freispruch endete: Am 20. Januar 2000, so meldete diese Zeitung, mussten hohe BfV-Beamte vor der 37. Großen Strafkammer in Berlin-Moabit aussagen: „Sie waren jedoch dienstverpflichtet worden, konkrete Fragen nach der Gefährdung des Amtes durch Tiedges Enthüllungen nicht zu beantworten. Damit lieferten ihre allgemein gehaltenen Einlassungen nichts Beweiswürdiges für einen vollzogenen Geheimnisverrat oder eine Beihilfe dazu.“ Wie jetzt bekannt wurde, starb der längst vergessene und wahrscheinlich eher überschätzte ehemalige „Abwehrchef“ Tiedge am 6. April in der Nähe von Moskau.

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